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Full text of "Geistesblitze grosser Männer [microform]"

MASTER 

NEGA TIVE 

NO. 93-81223-27 



MICROFILMED 1993 
COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES/NEW YORK 



as part of the 
"Foundations of Western Civilization Preservation Project 



Funded by the 
NATIONAL ENDOWMENT FOR THE HUMANITIES 



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copy Order if, in its judgement, fulflllment of the order 
would involve violation of the Copyright law. 



A UTHOR : 



TITLE: 



GEISTESBLITZE 
GROSSER MANNER 

PLACE: 

LEIPZIG 

DA TE : 

[1 889] 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DEPARTMENT 

BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARCFT 



Master Negi^live # 



Restrictions on Use: 



Original Material as Filmed - Existing Bibliographie Record 






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Brodtbeck, Karl Adolf^ i^* (öC -* • 

Geistesblitze ßrossor männor, für frei© donker 
gosamniolt, von Karl Adolf Brodtbeck« Leipzig, Nau- 
mann ^ref« 1889 j 

viii, 101 p« 23 cm in 25 cm» 

Volune of pamphlets 






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FILM SIZE: 55 (M^^ 



TECHNICAL MICROFORM DATA 



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REDUCTION RATIO:___i/^ 



IMAGE PLACEMENT: lA (\ 

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DATE FILMED: 3 



HLMEDBY: RESEARCH PUBLICATTONS. INC WOODBRIDGE. CT 






Association for Information and Image Management 

1100 Wayne Avenue. Suite 1100 
Silver Spring. Maryland 20910 

301/587-8202 




Centimeter 

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Für freie Denker gesammelt 



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Karl Adolf Brodtbeck. 



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LEIPZIG. 

Verlag von C. G. Naumann. 



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Für freie Denker gesammelt 



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Karl Adolf Brodtbeek. 




LEIPZIG. 

Verlag von C. G, Naumann. 






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INHALT. 

Seite 

Einleitung V 

I. Kultur, Geschichte, Staat I 

II. Staat und Kirche 29 

III. Zweifel und Aufklärung 39 

IV. Religion «. . . . 45 

V. Aphorismen 7' 

VI. Das Weib 95 

VII. Aus der moralischen Welt '05 

VIII. Anfangsgründe unserer Moral 123 

IX. Vom Genie U» 

X. Woher? Wozu? Wohin? 159 



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EINLEITUNG. 



Einleitungen stehen für gewöhnlich zu Anfang 
der Bücher, um — nicht gelesen zu werden. Kurze 
Worte deshalb zu Anfang — kurze Worte gerade 
für die seltenen Leser einer Einleitung ! Kürze hier 
vielleicht noch aus einem andern Grunde ? Aus Ehr- 
furcht vor einer Länge, Schwere, Tiefe des einzu- 
leitenden Hauptinhalts? .... Während mehrerer 
Jahre rüstigen Studiums der deutschen Litteratur, 
fröhlicher Gegnerschaft gegen das Alte und Ver- 
logene und ernsten Zweifeins am Neuen, Verheissenen, 
bin ich — leichtsinnig zu reden — so nebenbei zu 
dem Citatenschatze gekommen, den ich heute Gleich- 
strebenden, Gleichzweifelnden und Gleichhoffenden 
als Angebinde überreiche. Lange Zeit habe ich mit 
diesem letzten Schritte gezaudert. Mir floss aus dem 



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Inhalt der jetzt offen vor uns liegenden Blätter je und 
je wieder neue, lebendige Lust zu weiterem Erkennen- 
WoUen in Stunden der Ermattung; in Zeiten, wo 
Herz und Fuss hüpften und jauchzten vor nie ge- 
ahnten, wonnevollen Seligkeiten, Hoffnungen, Wün- 
schen — waren es die Worte „für freie Denker**, 
die mich auf gleichmässigere Bahnen zurückführten, 
meine übermenschliche Menschenfröhlichkeit in reiner 
Harmonie sanft ausklingen Hessen, ohne Dissonanz, 
ohne Weh; in Tagen, Wochen, Monaten, wo das 
Leben als ein müdes, krankes Nichts sich vor 
meinem umschatteten Auge wand, zum „Schlafen- 
gehn**, zur Ruhe mit alttrauten, ftirchtbar-lieblichen 
Schmeichellauten mahnte, der Menschenhass aus der 
Liebe zur ^Menschlichkeit zu keimen wagte, da 
waren es wieder die „Geistesblitze grosser Männer**, 
— gross insofern sie Alle, Alle wissen wollten, 
wissen mussten, — die mir mit reinem, durch- 
schüttemdem Leuchten den Weg hinauf wiesen in 
hellere Aetherhöhen, hinauf über die Abgründe des 
Niedergangs, hinauf über mich selbst Gezaudert 
habe ich damit, diesen meinen Schatz der Welt zu 
zeigen; Hass, Anfeindung, Verdächtigung werden 
sich an den nun doch gemachten Schritt heften; 
Missverstandenwerden selbst unter den „Verstehen- 
den** wird nicht ausbleiben ; nur Wenigen wird viel- 



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leicht mein Buch werden, was es mir geworden, 
Unheil vielleicht und Schaden anrichten im Kreise 
Unmündiger, die der Warnung nicht achteten: „für 

freie Denker gesammelt!** Und doch? Wer 

hat ihm je widerstanden, jenem unbestimmten, un- 
erklärten, unbesiegbaren Gefühle, das uns drängt 
zum Leiden, Leiden -Wollen, Kämpfen -Wollen, 
Kämpfen-Müssen; wer widerstand der Pflicht? 
Ich bin ihr unterlegen. 

Liest al bei Basel, im Januar 1889. 

K. A. Brodtbeek. 



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An die Unberufenen. 
Lästert uns und — glaubet! Die Wahrheit ist nicht für Euch! 

An die Berufenen. 
Also sprach Zarathustra: 

Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; 
und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer 
machen mit meinem Glücke. 

Tausend Pfade giebt es , die nie noch gegangen sind ; Uusend Ge- 
sundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und unent- 
deckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde. 

Wachet und hoicht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen 
Winde mit heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute 
Botschaft. 

Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk 
sein: aus euch, die ihr euch selber auswählet, soll ein auserwähltes Volk 
erwachsen. 

Wahrlich, eine Stätte der Genugthuung soll noch die Erde werden! 
Und schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender, — und 
eine neue Hoffnung! 



VIII 



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Brodtbeck, Geistesblitze grosser Manner. 



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Stehen bleiben: es wäre der Tod; nachahmen: 
es ist schon eine Art von Knechtschaft; eigene 
Ausbildung und Entwicklung: das ist Leben und 
Freiheit 



Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs 
im 19. Jahrhundert. 



L. V. Ranke. 



Vom Conservativismus zur Reaction ist aber bei 
untergeordneten Talenten kein weiter Schritt, was 
man zu erhalten wünscht, das ist man versucht, so 
zu befestigen, dass es durch keine Bewegung zu 
beseitigen ist. 

Deutsche Kulturgeschichte, Band 2. O. HcnOe am Rhyn. 



Jede einmal bestehende Ordnung enthält Stoff zu 
einem bessern System. 

DenUche Geschichte im 19. Jahrh., Band 3. H. V. TreitSChkC 



Jeder soziale Fortschritt schliesst irgend eine 
Beschränkung, irgend einen Verlust in sich; mit 
solchen Opfern wird der Gewinn erkauft. 

Kulturgeschichte der Menschheit, Band 2. J. Lippcrt. 



Jede soziale Störung ist nur das Suchen einer 
neuen bessern Ordnung. 

Zweck im Recht, Band i. ^* ^* J^enng. 

Allein ein Bruch mit dem Bestehenden (soweit 
man dies unter „Revolution" versteht) wird überall 
da einmal erfolgen müssen, wo dieses Bestehende 
gegen die natürliche Entwicklung der Dinge und 
gegen jene unveräusserlichen Rechte der Völker 
verstösst, die auf die Länge ungestraft nicht miss- 
achtet werden können. 

DreLsig Jahre deutscher Geschichte. K. Biedermann. 



Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein 
Abfall von persönlichem Despotismus und gewinn- 
süchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber 
niemals wahre Reform der Denkensart zu Tage kom- 
men; sondern neue Vorurtheile werden, eben so wohl 
als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen 
grossen Haufens dienen. 



Schriften 7ur Philosophie im Allgemeinen und zur Logik. 



Im. Kant. 



Die ganze Weltgeschichte ist nur eine fort- 
gesetzte Durchlöcherung und Zertretung des papie- 
renen Rechtsbodens. Der Sieg schrieb alle Zeit das 
Gesetz und wird es alle Zeit schreiben. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joh. Schem 



Die Rebellen von gestern sind allzeit die Des- 
poten von heute. 

Germania. Jo^. Scherf. 



*) Wie das Meer, so hat auch die Geschichte 
der Menschheit ihre Flut und Ebbe: nur bemessen 
sich hier die Zwischenräume nicht wie dort nach 
Stunden, sondern nach Jahrhunderten. Auf Zeiten, 
wo die Völker, wie mit schlafender Seele, zwischen 
der gemeinen Sorge um des Lebens Nothdurft und 
den grobsinnlichen Genuss ein dumpfes Dasein fristen, 
folgen Epochen, wo der prometheische Funke in 
den Menschen aufs Neue aufglüht, wo ihre Pulse 
frischlebendig allem Grossen und Schönen entgegen- 
schlagen und ihre Brust mit Entzücken das Fluidum 
der Begeisterung trinkt, welches die gesellschaft- 
liche Atmosphäre durchzieht. In solchen Flutzeiten, 
wo freilich mit der edelsten Leidenschaft nur all zu 
häufig die gemeinsten Affecte sich verbinden, wird der 
Mensch im Guten wie im Bösen über das normale 
Maass seines Vermögens, ja seines WoUens hinaus- 
gerissen. Da treibt mit der unwiderstehlichen Gewalt 
einer Springflut die Nationen ein dämonischer Trieb 
vorwärts. In solchen Perioden werden Staaten er- 
richtet, werden Fesseln zerbrochen und Bastillen zer- 
stört. Die Erde erdröhnt von Waffen, denn die 
mächtigsten Gedanken einer Zeit streben vorwärts 
nach Verwirklichung. Unter ungeheuren Wehen ringt 
sich ein grosser Zukunftsgedanke aus dem Mutter- 
schosse der Gegenwart und greift mit zuhängender 



•) Die vorliegende Stelle aus Joh. Scherr's unsterblichem 
Werke möge zugleich mit ihrem tiefsinnigen Inhalt und ihrem nie 
erreichten Styl, einem schönsten Denkmal deutscher Sprache, den 
freien Geist auf die Schriften dieses Mannes der Wahrheit hinweisen. 



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flacht von den höchsten Höhen der Gesellschaft bis 
in die tiefsten Niederungen hinab oder umgekehrt. 
Hat er aber dem Zeitalter sein Gepräge aufgedrückt, 
so ist seine Mission erfüllt. An die Stelle erbitterten 
Kampfes tritt die schlaiFe Gewöhnung. Der Mensch 
lebt sich in die neuen Zustände ein, als müssten 
sie ewig dauern, als müsste der irdischen Dinge rast- 
loser Wechsel endlich für immer zur Ruhe gekommen 
sein. Also herrscht nach der Flut die Ebbe in der 
moralischen Welt, bis wieder ein neuer Anstoss zur 
Bewegung dieser conservirenden oder reagirenden 
„Kraft der Trägheit" ein Ziel setzt und neue schick- 
salsmächtige Ideen — erst von ferne mit lindem 
Säuseln sich ankündigend, dann mälig und mälig zum 
tosenden Gewitter anschwellend — einem vermorsch- 
ten Gesellschaftsbau vor sich niederwerfen und auf 
den Trümmern ausgelebter Formen eine frische Saat 

der Zeit aufgrünen lassen. 

Joh. Scherr. 



Schiller und seine Zeit. 



So lange wir zugeben müssen — und das müssen 
wir unbedingt inbetrefF der letzten Jahrhunderte — 
dass sich die sittlichen Ansprüche, das sittliche Fein- 
und Zartgefühl in irgend einem Grade erhöhen, so 
lange kann uns keine Kriminalstatistik die Ueber- 
zeugung entwinden, dass im Grossen und Ganzen 
auch der Umfang der Uebung im Zunehmen be- 
griffen ist; denn das ist ja eben, wie uns alle That- 
sachen zeigen können, nur eine verkehrte Geschichts- 
und Sozialauffassung, dass auf dem Sittlichkeitsgebiete 



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das Gesetz das Vorangehende und durch irgend eine 
aussermenschliche Potenz Schaffende, die Uebung aber 
das Nachfolgende sei. Historisch ist das Umgekehrte 
der Fall; aus der Uebung erblüht das Gesetz, und 
in Jahrhunderten, in welchen das Sittlichkeitsgefühl 
sich verfeinert hat, kann die Uebimg im Ganzen und 
Grossen nicht verfallen sein. 

Kulturgeschichte der Menschheit, Band 2. J* J^ippert. 



Aber nicht allein die allgemeinen Tendenzen 
entscheiden in dem Fortgang der Geschichte; es be- 
darf immer grosser Persönlichkeiten, um sie zur 
Geltung zu bringen. 



Weltgeschichte, Band 3. 



L. v. Ranke. 



Die Welt beherrscht in erregten Epochen nur, 
wer die Geister auf neue Bahnen fortreisst. 

Geschichte der deutschen Kaiserzeit, Band 3. ^A^. V. GleSebrecht. 



Die Zeiten des Umsturzes, der Revolution, der 
Anarchie sind die Lehrstunden der Geschichte, in 
denen sie den Völkern eine Lektion- über Staat und 
Recht ertheilt — ein Jahr, vielleicht ein Monat, lehrt 
dem Bürger über die Bedeutung von Recht und 
Staat mehr als seine ganze bisherige Erfahrung. 

R. v. Jhering. 



Zweck im Recht, Band i. 



Denn mit Alles vor sich niederwerfender Ge- 
walt schreitet durch die Weltgeschichte die Vergel- 
tung. Spät kommt sie manchmal, häufig, am häufigsten 



sogar; aber sie kommt, unerbittlich, taub allem Flehen, 
mit der eisig ruhigen Majestät eines Naturgesetzes 
das Richter- und Rächeramt übend. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joh. SchCIT. 



In der Natur vorwaltender Mächte liegt es nicht, 
sich selbst zu beschränken: die Grenzen müssen ihnen 
gesetzt werden. 

Französische Geschichte, Band 4« *-»• V, fCanlCC 



Resignation ist Feigheit für eine Nation unter 
fremdem Joche. 

Historische und politische Aufsätze, Band x. **• V. 1 reitSCllke« 



Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse 
werden die grossen Fragen der Zeit entschieden, 
sondern durch Eisen und Blut. 

Moriu Busch: Unser Reichskanzler, Band 1. O. V. Blsmarck. 



Der Krieg macht den Menschen wahrhaftiger in 
Hass und Liebe. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. **. V, XreitSCIllCe. 



Inmitten der streitenden Interessen und der 
wechselseitigen Eifersucht unserer Staatengesell- 
schaft kann jede Nation nur durch die vollendete 
That das Recht ihres Daseins beweisen und sich 
die Achtung der Nachbarn erzwingen. 

Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Band 3. H. V. TreltSChkC. 



II 



Allzeit ging und geht, wie die Menschen nun 
einmal sind und allen Vervollkommnungsphrasen zum 
Trotz dem Wesen nach immer sein werden, Macht 
vor Recht und war und ist dieses ohne jene nur das 
bekannte Messer ohne Heft, dem die Klinge fehlt. 
Alle Rechtsfragen spielen sich zuletzt auf Macht- 
fragen hinaus und zur Lösung von solchen werden 
sich Menschen und Völker schliesslich immer wie- 
der auf die letzte Instanz, d. h. auf das Schwert, auf 
die Entscheidung durch die Waffen berufen. Der 
Krieg ist aber, Träumern und Empfindlem zum 
Possen, als in der menschlichen Natur begründet ein 
noth wendiger Factor des menschlichen Entwicklungs- 
prozesses und darum verstehen alle, welche im Welt- 
geschichtebuch mit sehenden Augen lesen, dass und 
warum die Sorge für das Kriegswesen unter den 
Sorgen der \^ölker allzeit und überall mitvoran- 
stehen musste. 

Germania. Joh. Schcrr. 

Es handelt sich nicht mehr um Gleichheit der 
Rechte, sondern um Gleichheit des Genusses. 

Lutezia. H. Heine. 

Für die Völker ist das Dasein gemeinhin schon 
das Recht des Daseins. 

Historische und politische Aufsätze, Band 2. **• V. 1 reitSCnKe. 



Nationalität mit dem Recht und Beruf, einen 
selbstständigen Staat zu bilden, ist, wie die Tugend, 



8 



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nicht ein fertiges Ding, sondern ein Thun, ein 
thätiges Beweisen. Eine Nation muss zeigen, dass 
sie eine Nation ist, sie muss sich selbst helfen. 

Kritische Gänge, 1860. F. Th. ViSChCf. 



Im internationalen Wettstreit und Daseinskampf 
auch künftig obenan zu bleiben, ist ein so hohes Inter- 
esse, dass jede Gegenwart nicht genug thun kann, 
aus ordentlichen Mitteln Nutzquellen für die Zukunft 
anzuhäufen. 

Gesammelte Aufsäue, Band 2. ^' ^' ^' Schäffle. 

Die primitiven Gemeinwesen, welche ihre staat- 
liche Organisation nicht immer intensiver durch staats- 
einheitliche Ausbildung der vorhandenen Volkskräfte 
und immer extensiver durch Zugesellung fremder 
Kräfte — Allianz, Föderation, Union — verstärken, 
werden vernichtet oder von andern Völkern durch 
Unterwerfung zu der hohem Staatseinheit gezwun- 
gen, die sie selbst versäumen. Stets und in immer 
höherm Maasse kehren die Nöthigungen des Daseins- 
kampfes zur staatlichen Vereinigung der Kräfte wieder. 

Gesammelte Aufsätze, Band i. A« £• T . SCilällle» 



Konkurrenz im allgemeinen Sinn der Rivalität 
ist ein unverzichtbarer Grundsatz der hohem Civili- 
sation. 

Gesammelte Aufsätze, Band i. A. E. F. SchäfflC. 



10 



Die rohe Naturkraft vermag zwar eine ver- 
rottete Kultur niederzutreten, aber in Gestalt von 
tausend und abertausend schmeichlerischen Einflüssen 
richtet sich diese wieder auf, den Sieger zuletzt be- 
siegend. 

Geschichte der deutschen Frauenwelt. jOll. SClierr. 

Der Grad der Kultur kann nach dem ermessen 
werden, was die Menschen im Höchsten begehren, 
glauben oder verehren. 

Geschichte der S»dt Rom, Band 3. Fcrd. GregOrOViUS. 

Kein Volk kann fortwährend und ohne Unter- 
brechung Originalarbeit liefern. 

Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Band 2. O. HCDne am Rhyn. 



Die Beschaffenheit der Friedhöfe — Dank unserer 
Sprache für das schöne Wort — kann geradezu 
einen Maasstab abgeben für den Kulturgrad der 
Gemeinde. 

Hammerschläge und Historien. JOU. oCllCrr. 

Wohl giebt es eine persönliche Zurechnung und 
ihre Stimme ist das Gewissen, aber die Völker möge 
man mit Generalsentenzen in Ruhe lassen. Das schein- 
bar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, 
und ein scheinbar gesundes kann einen mächtig ent- 
wickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die 
Gefahr an den Tag bringt. 

Kultur der Renaissance, Band 2. J- Burckhardt. 



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Die Arbeit ist die Bethätigung der freien Selbst- 
bestimmung in der Natur und damit die lebendige 
Verwirklichung der persönlichen Freiheit. Sie ist da- 
durch der Quell aller Entwicklung der Menschheit; 
denn sie ist ewig dieselbe, wie das persönliche Wesen 
des Menschen, aber ewig zugleich eine neue, wie 
das Bedürfniss und der Stoff. Sie ist unendlich reich 
und mannigfaltig, weil sie das ganze Dasein der Natur 
durch die ganze innere Kraft der Persönlichkeit er- 
greifen lehrt. Sie ist das wirkliche Werden der prak- 
tischen Freiheit des Menschen, sie ist darum absolut 
nothwendig und in diesem Sinn ist die Menschheit 
zur Arbeit geschaffen. Und daher kommt es, dass 
auch die besten Menschen und die besten Zustände 
ohne Arbeit untergehen. 

System der Siaauwissenschaft, Band i. 



Lor. Stein. 



Die Ungleichheit ist ein Naturgesetz, so gut wie 

Joh. Scherr. 



emes. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. 



Alle Gleichheit und Gleichartigkeit ist unerreich- 
bar. Dennoch giebt es Gleichheit im Sinne der Aus- 
gleichung. Diese Ausgleichung hegt nicht darin, den 
Hen-orragenden die Köpfe durch demokratischen 
Terrorismus abzuschlagen, sondern darin, das wirklich 
Hervorragende so an die Spitze gelangen zu lassen, 
dass die hervorragenden Kräfte dem Ganzen dienen und 
dass grössere Leistungen ihrem Vorzug an Einkommen, 
Ehre, Macht, Ansehen, Achtung entsprechen. 



Gesammelte Aufsätze, Band i. 



A. E. F. Schäfüe. 



Die Voraussetzung der natürlichen Gleichheit aller 
^lenschen drängt mit einer gewissen Folgerichtigkeit 
zu dem Versuch, die historisch gebildeten Einrich- 
tungen zu durchbrechen und von Grund aus umzu- 
gestalten. Tendenzen dieser Art sind vielleicht un- 
vermeidlich: in Schranken gehalten können sie sogar 
zur lebendigen Fortbildung der Gesellschaft bei- 
tragen. Die Herstellung eines vermeintlichen Natur- 
zustandes würde eine unerträgliche Tyrannei zur 
Folge haben. 



Weltgeschichte, Band 4. 



L. V. Ranke. 



Wollt Ihr die Unterschiede vernichten, hütet 
Euch, dass Ihr nicht das Leben tödtet. 



Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs 
im 19. Jahrhundert. 



L. v. Ranke. 



Eine Möglichkeit ist es, ein Recht, eine Pflicht 
der Gesellschaft, den Fluch der Ungleichheit unter 
den Menschen zu mildem. Namentlich dadurch, dass 
jeder wirklichen Kraft Raum und Luft zum Auf- 
streben, jedem Talent offene Bahn, auch den Kindern 
der Armen und Aermsten Mittel, jeder Leistung eine 
annähernd entsprechende Würdigung geschaffen und 
gesichert werde. Aber den Fluch der Ungleichheit 
aufheben wollen, heisst verlangen, dass die Mensch- 
heit sich selber aufhebe. 

Hammerschläge und Historien. J^^« Scherr. 



13 



13 



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Der höchste denkbare Grad der Gleichheit, der 
Kommunismus, ist, weil er die Unterdrückung aller 
natürlichen Neigungen voraussetzt, der höchste denk- 
bare Grad der Knechtschaft. 



Historische und politische Aufsätze, Band 3. 



H. V. Treitschke. 



In den Anstrengungen für den allgemeinen 
Volks- und Jugendunterricht liegt eine mächtige 
Gegenströmung gegen extreme Ungleichheit 



Gesammelte Aufsätze, Band i. 



A. E. F. Schäffle. 



Es ist das Wesen der Bildung, unbegrenzt über- 
tragbar zu sein, ihre Bestimmung ist es, unbegrenzt 
übertragen zu werden, und darauf beruht die unend- 
liche wirthschaftliche Expansivkraft der Menschheit, 
die Fähigkeit, die wirthschaftliche Persönlichkeit ins 
Ungemessene zu potenziren, jeden Fortschritt in den 
wirthschaftlichen Fähigkeiten allgemein zu machen. 
Neue bisher verborgene Funken der wirthschaftlichen 
Persönlichkeit werden zwar nur von Wenigen ihrer 
Gebundenheit entrissen, aber sie zünden schnell und 
überall werden und bleiben sie Gemeingut 

Das gesellschaftliche System der menschlichen A E F Schäffle 

Wirthschaft. 

Jeder geistige Werth, dessen ein Volk sich rühmen 
darf, wirkt hinüber auf das Staatsleben, ist ein Unter- 
pfand mehr für seine politische Grösse. 

Historische und politische Aufsäue, Band 3. H. V. TfeltSChke. 



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Grosse politische Leidenschaft ist ein köstlicher 
Schatz; das matte Herz der Mehrzahl der Menschen 
bietet nur wenig Raum dafür. 

Historische und politische Aufsäue, Band 3. **• V. 1 reitSCniCe« 

Was heisst politische Bildung eines Volkes? Dass 
der gemeine Mann kannegiessem kann ? Dass Schuster, 
Schneider und Handschuhmacher dem gewiegten 
Staatsmann das Exerzitium korrigiren? In meinen 
Augen heisst politische Bildung nichts anders als das 
richtige Verständniss der eigenen Interessen. 

Zweck im Recht, Band i. R. V. Jhcring. 

Was Du auch thun magst, um reiner, reifer, freier 
zu werden, Du thust es für Dein Volk! 

Historische und politische AufsäUe, Band 3. H. V. TrcitSChke. 



Mag mein Ruf untergehen, mag mein Name 
untergehen, wenn nur Italien eine Nation wird! In 
diesen Worten Camillo Cavours liegt mehr reine 
Mannestugend als in einer ganzen Bibliothek unserer 
Theologen. 

Historische und politische Aufsäue, Band a. H. V. TreitSChkC. 



Die Politik gleicht den Syrenen der griechischen 
Mythologie oder der Rheinnixe Loreley. Sie lockt 
mit lieblichem Gesang die Schiffer, um sie dann an 
Klippen oder Felsen zerschellen zu lassen. 

Georg Weber. 



Geschichtsbilder. 



14 



15 



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In der Politik, welche auf gegenseitigem Selbst- 
erhaltungstriebe der Nationen und Parteien besteht 
und so zu sagen eine beständige Xothwehr ist, wird 
leider mit Offenheit und Geradheit nichts ausgerichtet 
und bedarf es der Schlauheit und Berechnung; der 
aber ist trotzdem ein grosser Mann, der das auf 
solchem Wege Errungene zum Besten des Vaterlan- 
des zu wenden weiss. 

Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Band 2. O. HCHOC SLITl RtlVR. 



In der Politik ist Nichts abgeschmackter, als der 
Groll. 

Historische und politische Aufsätze, Band 2. H. V. TreltSClllce. 



Jede politische Freundschaft hat ihren Zweck; 
nach Erreichung desselben löst sie sich auf, und 
aus den veränderten Umständen bilden sich andere 
Kombinationen. 

Weltgeschichte, Band a. L« V. Ranke. 

Gelehrten, welche Politiker werden, wird gewöhn- 
lich die komische Rolle zugetheilt, das gute Ge- 
wissen einer Politik sein zu müssen. 

Menschliches AUzumenschliches. ** . NlCtZSClie. 



Politische Freiheit ist politisch beschränkte Freiheit 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H, V. TrcltSCllke. 



Freiheit ist nicht Genuss, sondern Arbeit, unaus- 
gesetzte Arbeit an den grossen Kulturaufgaben des 
modernen Staates. Anastasius Grün. 



Nicht politische Stichworte, nicht politische For- 
men sogar, sondern humane Kultur und sittlicher 
Charakter schaffen die Freiheit und Wohlfahrt der 
Nationen. 

Menschliche Tragikomödie, Band 2. Joh. SchCIT. 



Es ist auch, wie ich mit schärfster Betonung 
sagen will und wie die Kulturgeschichte es unwider- 
legHch beweist, total falsch, zu meinen, irgend eine 
beliebige Staatsform als solche sei der Kultur hinder- 
lich oder förderlich. 

Letzte Gänge. Joh. Schcrr. 

Man täuscht sich häufig, wenn man in den Folgen 
der Verfassung ihr innerstes Wesen erblickt. 

Weltgeschichte, Band 2. L. V. Ranke. 

Die Republik erschafft nicht grosse und reine 
Charaktere, sondern sie setzt sie als Gemeingut der 
souveränen Masse voraus. 

Geschichte der Revolutionszeit, Band 2. n. V. Sybel. 



Die Masse der Menschen wird nicht politisch 
fähig durch den blossen Ausspruch des Gesetzes, 
dass sie politisch mündig sei, sondern erst durch ver- 
breitete Bildung des Geistes und mehr noch des 
Charakters. 

Geschichte der Revolutionszeit, Band i. I*. V. Sybel. 



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16 



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Brodtbeck, Geistesblitze grosser Mäuner. 



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Denn was ist zumeist die öffentliche Meinung? 
Nichts als ein ven\^orrenes Geräusch, das aus dem 
Zusammenstoss der so oder anders angestrichenen 
Bretter entsteht, welche die Menschen vor ihren 
Stirnen tragen. 



Menschliche Tragikomödie, Band i. 



Joh. Scherr. 



Der Mittelstand hasst jede offene gewaltthätige 
Tyrannei, doch er ist sehr geneigt, durch den Bann- 
strahl der öffentlichen Meinung alles zu ächten, was 
sich über ein gewisses Durchschnittsmaass der Bildung, 
des Seelenadels, der Kühnheit emporhebt. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V. TfeltSChke. 



Denn wodurch unterscheidet sich der Despotis- 
mus der Menge von einem andern Despotismus? Ist 
er minder durchgreifend und gewaltsam? Gewiss 
nicht; er hat keinen Widerstand zu erwarten; er ist 
selber das Gesetz. Ist er beständiger? Er wird all- 
zuleicht von den wechselnden Eindrücken bestimmt. 
Ist er rationaler? Am schwersten durch Gründe zu 
überzeugen ist die Menge. Ist er endlich moralischer? 
Ich wollte nicht glauben, da Niemand im Besondem 
dafür verantwortlich ist. 



Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs 
im 19. Jahrhundert. 



L. V. Ranke. 



O das Volk, dieser arme König in Lumpen hat 
Schmeichler gefunden, die viel schamloser, als die 
Höflinge von Byzanz und Versailles ihm ihren Weih- 



rauchkessel an den Kopf schlagen. Diese Hof lakaien 
des Volkes rühmen beständig seine Vortrefflichkeiten 
und Tugenden, und rufen begeistert: Wie schön ist 
das Volk ! Wie gut ist das Volk ! Wie intelligent ist 
das Volk! — Nein, ihr lügt. Das arme Volk ist 
nicht schön ; im Gegentheil, es ist sehr hässlich. Aber 
diese Hässlichkeit entstand durch den Schmutz und 
wird mit demselben schwinden, sobald wir öffentliche 
Bäder bauen, wo seine Majestät das Volk sich unent- 
geltlich baden kann. Das Volk, dessen Güte so sehr 
gepriesen wird, ist gar nicht gut; es ist manchmal 
so böse wie einige andere Potentaten. Aber seine 
Bosheit kommt vom Hunger, wir müssen sorgen, 
dass das souveräne Volk immer zu essen habe; so- 
bald allerhöchst dasselbe gehörig gefuttert und ge- 
sättigt sein mag, wird es Euch huldvoll und gnädig 
anlächeln, ganz wie die andern. Seine Majestät das 
Volk ist ebenfalls nicht sehr intelligent; es ist viel- 
leicht dümmer als die andern, es ist fast so bestia- 
lisch dumm wie seine Günstlinge. Liebe und Ver- 
trauen schenkt es nur denjenigen, die den Jargon 
seiner Leidenschaft reden oder heulen, während es 
jeden braven Mann hasst, der die Sprache der Ver- 
nunft mit ihm spricht, um es zu erleuchten und zu 
veredeln. Der Grund dieser Verkehrtheit ist die 
Unwissenheit; dieses Nationalübel müssen wir zu 
tilgen suchen durch öffentliche Schulen für das Volk, 
wo ihm der Unterricht auch mit den dazu gehörigen 
Butterbrödten und sonstigen Nahrungsmitteln unent- 
geltlich ertheilt werde. Und wenn Jeder im Volke 



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18 



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2» 



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in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kennt- 
nisse zu erwerben, werdet Ihr auch bald ein intelli- 
gentes Volk sehen. 



Gestandnisse. 



H. Heine. 



Von jeder Staatseinrichtung, welche das Wohl 
der Bürger zum Zwecke hat, ist derjenige Theil, der 
von der Menge begriffen wird, immer der wichtigste. 

Fragmente und Aphorismen. L. Böme. 

Die Schmeichler des Volkes übertreiben die Be- 
fürchtungen desselben und stacheln sein Misstrauen; 
ewige Angeber, lieben sie es, Volksfeinde in Allen 
zu erblicken, welche im Amte sind und nach deren 
Plätzen ihr Ehrgeiz und Eigennutz trachten. 

Hammerschläge und Historien. jOh. SCXIGIT. 

Alle denkenden Männer wissen es, und nur 
jämmerliche Volksschmeichler geben sich den An- 
schein, es nicht zu wissen, dass jedes Volk regiert 
werden muss, dass seine Führer es leiten, ihm seine 
wahren und dauernden Interessen deutlich machen 
müssen, wenn nicht der Staat den erbärmlichsten 
Despotismus und damit dem Zufall, der Willkür und 
Anarchie preisgegeben werden soll. Der wahre und 
wirkliche, der echte und rechte Volksführer aber soll 
herrschen, dass heisst er soll den vernünftig geleiteten 
Gesammtwillen der Bürger zu entsprechendem that- 
sächlichen Ausdruck bringen auf den verschiedenen 
Gebieten des Staatslebens. 

Letzte Gänge. Joh, SchefT. 



20 



Der ausschweifenden Demokratie ist stets die 

Tyrannis auf dem Fusse gefolgt. 

Georg Weber. 



Geschichtsbilder. 



Die Kunst des Souveräns sowohl in der Repu- 
blik als in der Monarchie besteht bekanntlich darin, 
zur rechten Zeit die rechten Organe zum Handeln 
zu finden und die gefundenen ohne Neid gewähren 
zu lassen. 

Hammerschläge und Historien. Joh. Schem 



Leidenschaften der Regierungen zeugen von 
Schwäche, Leidenschaften des Volkes zeugen von 
Stärke. 

Fragmente und Aphorismen. *^' ■O^I^IaC 



Vor allem bedarf es die höchste Gewalt, dass sie 
über die Parteien erhaben sei; sie bedarf das An- 
sehen einer von ihr ausgehenden, nicht zu eigenen 
Gunsten verw^alteten Gerechtigkeit. Wie wäre es ihr 
möglich, ein solches zu erwerben, wenn sie die, welche 
sie regieren soll, wenigstens grossen Theils als ihre 
Gegner zu behandeln hat! 

Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs j „ Ranke 

im 19. Jahrhundert. 



Jede Parteiregierung steht stets unter dem Ein- 
drucke der Fortentwicklung ihrer Parteirichtung. — 
Diese Entwicklung findet nothwendig in der Rich- 
tung ihres Extremes statt, das weitere Fortschreiten 
erfolgt in der Richtung, der die Partei überhaupt 



21 



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angehört. Eine konservative Partei wird der Gefahr 
der Reaktion immer unten^^orfen sein, wenn sie länger 
regiert ; es wird sich immer Einer finden, der noch in 
konservativerer Richtung weitergehende Theorien 
aufstellt, für die er, wie für alle Extreme, leicht die 
Menge der Parteiwähler gewinnt. Dasselbe ist in 
der liberalen Partei der Fall. 

Moritz Busch: Unser Reichskanzler, Band x. O. V. BismäfCk. 



Es ist der Fluch grosser politischer Versamm- 
lungen, dass sie das Rechtsgefiihl abstumpfen, weil 
sie die Verantwortung auf viele Köpfe vertheilen; 
Parlamente und Diplomatenkongresse handeln leichter 
gewissenlos als einzelne Staatsmänner. 

Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Band 3. H. V, TrcitSChke. 

Wir wissen es alle, das Parteileben ist eine 
Nothwendigkeit für freie Völker, das unentbehrliche 
Mittel, um aus dem Gewirr der Interessen, Leiden- 
schaften, Meinungen einen Durchschnittswillen heraus- 
zubilden, den Einzelwillen Ordnung und Gliederung 
und dadurch Macht zu bringen, durch Stoss und 
Gegenstoss der also geschaarten Kräfte dem Staat 
eine feste Richtung zu geben. Der Zwang, für eine 
bestimmte Meinung offen einzustehen und zugleich 
den persönlichen Eigensinn einem allgemeinen Willen 
unterzuordnen, ist für die Mittelmässigkeit der Men- 
schen eine Schule des Muthes und der Zucht. — 
Jede Partei ist einseitig. — Die Gesundheit des par- 
lamentarischen Lebens erfordert eine gewisse innere 



Gleichberechtigung der Parteigegensätze. — Ueber 
den Charakter einer Partei entscheidet nicht, ob sie 
erhalten oder zerstören will, sondern was sie erhalten 
oder zerstören will, nicht die Form, sondern der In- 
halt der Parteibestrebungen. 

Historische und politische Aufsätie, Band 3. H. V. TrcltSChke. 



So geht es jedoch immer: die über alle Bedin- 
gungen des Wirklichen und Möglichen hinausragende 
Spitze einer an sich noch so berechtigten Opposition 
lässt sich durch die Schlauheit des Gegners unschwer 
zurückbiegen und dazu benutzen, das eigene Prinzip 

zu Boden zu stossen. 

. „. . Joh. Scherr, 

Hammerschlage und Historien. *» 

Wer viel denkt, eignet sich nicht zum Partei- 
mann: er denkt sich durch die Partei hindurch. 

Menschliches Allzumenschliches. F. NietZSChC. 



Es ist in der Regel das Schicksal der zum Siege 
gelangten Parteien, über den Sieg zu zerfallen. 

Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs l. v. Rauke. 

im 19. Jahrhundert. 



Das politische Leben wird stets erfordern, dass, 
wer an ihm theilnehmen will — und das sollte ja 
jeder in seiner Weise — Farbe bekennt und Partei 
ergreift; aber es erfordert nicht, dass er die Gegner 
in ihrer Berechtigung nicht versteht und die Leiden- 
schaft, die der einzelne Moment des Kampfes viel- 
leicht erzwingt oder bedingt, sich zur Geringschät- 
zung und Verkennung versteinern lässt; es erfordert 



22 



23 



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nur, dass er einerseits über der gewissenhaften Wür- 
digung des Gegners nicht die eigene Thatkraft und 
die Wärme der Ueberzeugung verliert, und dass er 
andrerseits die Achtung, die er dem politischen 
Widersacher entgegenbringt, dem Ehrgeiz, der Selbst- 
sucht, überhaupt der Schlechtigkeit versagt, die sich 
in politische Gewänder hüllt. 

Geschichte der letzten fünfeehn Jahre. CODStantin BuUc. 

Jeder Zeit bestand und besteht eine starrpoli- 
tische Staatsgesinnung, die den Staat als Selbstzweck 
behandelt und zunächst darauf sieht, die Einheit seines 
Willens zu behaupten, seine Macht zu sichern gegen 
den bösen Willen der Vielen, die Verwaltung fest 
und schlagfertig auszurüsten — dieser politischen 
Staatsgesinnung steht die soziale gegenüber. Sie 
sucht im Staate das Mittel für die Kulturzwecke 
der vielköpfigen Gesellschaft und verlangt darum 
eine leichtbewegUche Staatsverfassung, auf dass jede 
soziale Kraft die Möglichkeit erhalte, ihren Willen 
zu äussern und durchzusetzen . . . und jenem Volke 
gebührt der Preis der Staatsweisheit, das beide zu 
versöhnen, beiden gerecht zu werden weiss. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. fj. V. TfeitSChkC 

Der Bürger, der in den eigenen Angelegenheiten 
nicht mitberäth, dem der Staat ein Abstraktum, ein 
dunkles Geheimniss ist, kann sein Land und seine 
Leute Heben, den Staat wird er befeinden, belügen, 
betrügen. 

Kritische Gänge 1860. F. Th. ViSChCF. 



Das ist ja eben der Segen der Pressfreiheit, sie 
raubt der kühnen Sprache des Demagogen allen 
Zauber der Neuheit, das leidenschaftliche Wort neu- 
tralisirt sie durch eben so leidenschaftliche Gegen- 
rede, und sie erstickt in der Geburt schon die Lügen- 
gerüchte, die vom Zufall oder Bosheit gesät so tödtlich 
frech emporwuchem im Verborgenen, gleich jenen 
Giftpflanzen, die nur in dunklen Waldsümpfen und 
im Schatten alter Burg- und Kirchentrümmer ge- 
deihen, im hellen Sonnenlicht aber elendiglich und 
jämmerlich verdorren. Freilich, das helle Sonnen- 
licht der Pressfreiheit ist für den Sklaven, der lieber 
im Dunkeln die allerhöchsten Fusstritte hinnimmt, 
eben so fatal wie für den Despoten, der seine ein- 
same Ohnmacht nicht gern beleuchtet sieht. Es ist 
wahr, dass die Censur solchen Leuten sehr ange- 
nehm ist. 

Ueber den Adel in Briefen. ^' Hcine. 

Und gewiss sprach Cavour ein tiefsinniges und 
wahres Wort, da er erklärte: die Pressfreiheit, ein 
Segen für alle innem Fragen, werde leicht verderb- 
lich für die auswärtige Politik. 

Historische und politische Aufsätze, Band 2. 



H. V. Treitschke. 



Alle guten Gesetze sind nach einem trefflichen 
Ausspruch der Bibel Gesetze, durch die wir leben. 
Die Geschichte hat tausendfach auch die Probe auf 
das Gegentheil gemacht; untergegangene Stämme 
sind Zeugen für Gesetze, die nicht zum Leben führten. 

Kulturgeschichte der Menschheit, Band i. * J* LippCrt. 



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24 



25 



Die Kraft und das Ansehen der Gesetze steht 
überall auf gleichem Niveau mit der moralischen 
Kraft des Rechtsgefühls — ein lahmes nationales 
Rechtsgefiihl ein unsicheres Recht, ein gesundes, 
kräftiges nationales Rechtsgefühl ein sicheres Recht 
Die Sicherheit des Rechts ist überall das eigene 
Werk und Verdienst des Volkes, sie ist ein Gut, 
das die Geschichte keinem Volke schenkt, sondern 
das von jedem in mühsamem Ringen, nicht selten 
mit blutiger That errungen werden muss. 

Zweck im Recht, Band i. »^ ». . 

R. V. Jhenng. 

Es bedarf nicht der Wissenschaft, um den denken- 
den Menschen darüber aufzuklären, in welchem Maasse 
er seine Rechnung im Staate findet, das blosse Auf- 
schlagen des Auges reicht aus, um dies wahrzu- 
nehmen. Für die urtheilslose Masse ist aber letzteres 
schon zu viel verlangt. Wenn man ihre Klagen 
vernimmt über die Lasten und Beschränkungen, die 
der Staat auferlegt, möchte man glauben, dass er 
mehr eine Plage als eine Wohlthat sei. Die Vor- 
theile, welche er gewährt, betrachtet sie als selbst- 
verständHch — dazu ist er ja da ! — oder richtiger, 
sie wird sich ihrer gar nicht bewusst, es verhält sich 
mit dem Staate wie mit dem Magen, von dem man 
nur spricht, um über ihn zu klagen, den man nur 
empfindet, wo er unbequem wird. 

Zweck im Recht, Band ,. R, y. Jhering. 

Wo kein naturwüchsiger Staat besteht, welcher 
sich zu dem Geiste seiner Nation verhält, wie der 
menschliche Leib zu seiner Seele, welche ihn be- 



lebt, da vertritt seine Stelle der mechanische Polizei- 
staat, welcher keine Staatsbürger kennt, sondern nur 
träge Massen von nutzbaren Spiessbürgem, verwaltet 
nach dem Grundsatze der Stallfütterung, wo Licht 
und Luft, Futter und Getränke, Lager und Stand, 
Bewegung und Ruhe den Thieren zugemessen wird. 
In diesen Polizeistaaten, wo der Bürger ein Ver- 
brechen begeht, wenn er sich thätig um die allge- 
meine Wohlfahrt bekümmert, wird jeder Einzelne auf 
den Standpunkt des Egoismus versetzt. Ist der 
Mensch so von dem idealen Staatsleben verdrängt, 
welches allein den Menschen aus der Engherzigkeit 
erheben kann, so bleibt ihm Nichts als der gemeine 
smnliche Genuss übrig, welcher durch Geld vermittelt 
werden kann. In die grössere Menge eines solchen 
Volkes, welches sich seine Seele hat stehlen lassen, 
fährt nun der Heisshunger nach Amt und Geld, mit 
welchem sich die niederträchtigste Gesinnung von 
selbst verbindet, wenn auch innerhalb der Schranken 
der Polizei. Jede Tugend wird da zum Schein und 
Deckmantel der Habsucht. Liebe und Freundschaft 
werden Mittel zu materiellen Zwecken, und wo sie 
aufhören zinsbar zu sein, treten der grimmigste Hass, 
Verleumdung und Verfolgung und alle Kinder der 

Undankbarkeit an das Licht. Solche Krankheits- 

* 

zustände der Staatsgesellschaft charakterisiren sich 
durch Selbstverachtung und Zerrissenheit der Ge- 
müther, woran sich, als nächstfolgendes Glied der 
Kette, die allgemeine Feigheit schliesst. 

Joh. Schert: Hammerschläge und Historien. JuHuS MoSeO. 



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27 



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Denn am Ende beruht die ganze Würde des 
Staates auf dem persönlichen Werth seiner Bürger, 
und jener Staat ist der sittlichste, welcher die Kräfte 
der Bürger zu den meisten gemeinnützigen Werken 
vereinigt und dennoch einem jeden, unberührt vom 
Zwange des Staates und der öffentlichen Meinung, 
aufrecht und selbstständig seiner persönlichen Aus- 
bildung nachgehen lässt 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V, TrcltSChke. 





28 



29 




Es ist unmöglich, dass eine Staatsform Bestand 
gewinne, welche nicht durch eine entsprechende Rich- 
tung der Sitte im Volke getragen wird. Der Staat 
ist also ohne Zweifel berechtigt, wie er von dieser 
Seite beeinflusst wird, so auch seinerseits die Besserung 
und Hebung derselben zu bewirken. Es ist dies ja 
die Pflicht eines jeden ächten Bürgers, und wider- 
sinnig wäre es, die hervorragendsten Mitglieder des 
Gemeinwesens, die Träger der politischen Gewalt, 
von diesem höchsten Berufe auszuschliessen. Ja, so 
sehr liegt die enge Beziehung zwischen Politik und 
Sitte in den Tiefen der menschlichen Natur begrün- 
det, dass der Staat, der sie einen Augenblick aus 
dem Gesichte verliert, in seelenlose Auflösung ver- 
sinkt Aber indem der Staat sich hiemach als Er- 
zieher des Volkes hinstellt, darf er nicht vergessen, 
dass die Erziehung nicht die Knechtung, sondern die 
Befreiung des persönlichen Geistes bedeutet. Reli- 
gion und Sitte verdienen ihre Namen nur insofern, 
als sie bei jedem Einzelnen unaufhörlich neu aus 
der Innern Gesinnung geboren werden. Jedes äusser- 



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lieh zwingende Strafgesetz auf diesem Gebiet ist ein 
Dolchstoss in das Herz des Völkerlebens. Die mit 
Schrecken erpresste Sitte taugt so viel wie die mit 
Scheiterhaufen befestigte Religion: beide erstarren 
auf der Stelle zu einem Werkdienste, in dem sie 
selbst zu Grunde gehen und der unterworfenen Nation 
nur die Wahl zwischen Empörung oder Erstickung 
lassen. 

Geschichte der Revolutionszeit, Band 2. H, V. Svbcl. 



Es liegt in der Natur alles Dogmatismus, den 
Vorschritt nur so lange zu wollen und zu fördern, 
bis der Sieg seiner Anschauungen entschieden ist 
Sobald die Kulturarbeit darüber hinauszugehen sich 
anschickt, wird er ihr unerbittlicher Gegner. 

Geschichte der Literatur. Joh. ScheiT. 



Vor allen Dingen ist es die schon früh in den 
Kreis der christlichen Dogmen eingedrungene Lehre 
von der allgemeinen Verdammniss der gesammten 
Menschheit und den ewigen Höllenstrafen, welche 
durch Niederdrückung der Gemüther und Erhebung 
des Priesterhochmuths namenloses Unheil über die 
neueren Nationen gebracht hat. Das Recht der 
Kirche zu binden und zu lösen werde der Fluch 
der modernen Nationen. Aber auch wo sie schein- 
bar gebrochen war, bUeb die Herrschsucht die her- 
vorstechendste Eigenschaft der Geistlichkeit als eines 
besonderen Standes, und mit nur allzu grossem Er- 
folge wurden die reichen Mittel der religiösen Ideen 



und der kirchlichen Ueberlieferungen benutzt, um 
eine Befangenheit des Geistes zu erzeugen, die mit 
Abstumpfung gegen jede unmittelbare Wirkung 
grosser Gedanken endigen musste. So erzeugte das 
historische Christenthum eine ungeheure Kluft zwischen 
der kleinen Schaar auserwählter und wahrhaft freier 
Geister und der abgestumpften, niedergedrückten 
Masse. Es ist die nämliche Erscheinung auf geistigem 
Gebiete, wie sie der Industrialismus auf dem materi- 
ellen hervorgerufen hat, und dieser Bruch im Volks- 
leben ist hier wie dort das grosse Grundübel der 

Gegenwart. 

F. A. Lange. 



Geschichte des Materialismus. 



Das Papstthum, eine Schöpfting einer finstem und 
ruchlosen Zeit, ist gegenüber der Vernunft, der Wissen- 
schaft und Humanität ein versteinertes Non possumus. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joh. SchCfr. 



Das gemeinschaftliche Ziel des Despotismus imd 
des Priesterthums ist Einförmigkeit, und Einförmig- 
keit ist ein nothwendiges Hilfsmittel der mensch- 
lichen Armuth und Beschränkimg. 

Der Abfall der Niederlande. Ff. V. SchÜlcr. 



Aller Fortschritt, welcher in der ganzen Christen- 
heit in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten 
des Lebens gemacht worden ist, ist trotz der Kirche 
vor sich gegangen und hat überall in umgekehrtem 
Verhältnisse zu ihrer Macht gestanden. 

Geschichte von England, Band i. Th. B. MaCaUlay. 



32 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 






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Es ist eine unbestreitbare und höchst belehrende 
Thatsache, dass in den Jahren, in welchen die angli- 
kanische Hierarchie auf dem Höhepunkte ihrer Macht 
stand, genau dieselben Jahre waren, in welchen die 
Sittüchkeit der Nationen am tiefsten stand. 

Geschichte von England, Band i. Th. B. MaCaUlay. 



Die Geistlichkeit war von jeher eine Stütze der 
Macht und musste es sein. Ihre goldene Zeit fiel 
immer in die Gefangenschaft des menschlichen Geistes, 
und noch wie jene (die spanische und niederländische 
zu Philipp II. Zeiten. D. V.) sehen wir sie vom Blöd- 
sinn und von der Sinnlichkeit ernten. 

Abfall der Niederlande. Ff. V. Schiller. 



Die Politik der Kirche hat es ja zu allen Zeiten 

vortrefflich verstanden, ihrem Streben nach der Uni- 

viersaldespotie gelegentlich auch ein patriotisches 

Mäntelchen umzuhängen. 

Joh. Scherr. 



Germania. 



Wer mit Pfaffen kämpft, der mache sich darauf 
gefasst, dass der beste Lug und die triftigsten Ver- 
läumdungen seinen armen guten Namen zerfetzen 
und schwärzen werden. Aber gleichwie man jene 
Fahnen, die in der Schlacht am meisten von den 
Kugeln zerfetzt und vom Pulverrauch geschwärzt 
worden, höher ehrt als die blanksten und gesundesten 
Rekrutenfahnen, und wie man sie endlich als National- 
reliquien in den Domen aufstellt : so werden einst die 



34 



^ 



Namen unserer Helden, je mehr sie zerfetzt und an- 
geschwärzt worden, um so enthusiastischer verehrt 
werden, in der heiligen Genofevakirche der Freiheit 

Reisebilder. H. Hcine, 

Am Menschen zerschellt die Kirche. 

Joh. Scherr: Poeten der Jetztzeit. LeOpOld Schcfer. 



Der Priester stellt in letzter Instanz ohne Appel- 
lation fest, was der Wille Gottes ist; er interpretirt 
denselben authentisch, und wenn die weltliche Ge- 
walt sich ihm nicht unterwirft, so steht sie im Wider- 
spruch mit dem göttlichen Willen und verfällt dem 
Bann und Interdikt — Katholischen Monarchien war 
es gegeben, sich ohne Schwierigkeit mit den theo- 
kratischen Ansprüchen des römischen Stuhles abzu- 
finden; nach dem Grundsatze, dass eine Hand die 
andere wäscht, lehrten die Priester Gehorsam gegen 
den Monarchen, wenn 'letzterer ihn dem Papst nicht 
aufkündigte. Protestantischen Staaten gegenüber 
aber bleibt der Friede mit der römischen Kirche im 
günstigsten Falle eine Zirkelquadratur, deren Lösung 
man sich nähern kann, ohne sie zu erreichen. Beide 
Parteien kommen über den modus vivendi nicht 
hinaus. 

Moritz Busch: Unser Reichskanzler, Band 2. O. V. BismaTCk. 



Es kann nicht im Entferntesten bezweifelt wer- 
den, dciss die unermesslichen materiellen und intellek- 
tuellen Bildungsresultate, welche während der drei 
jüngsten Jahrhunderte in Europa gewonnen worden. 



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3» 



nicht mittelst, sondern recht eigentlich trotz der 
Kirche errungen worden sind. Sie stemmte und 
stemmt sich überall nach Kräften dem naturgemässen 
und unabänderlichen Entwicklungsgange der Mensch- 
heit entgegen. Kein Wunder daher, dass sie längst 
nicht mehr durch die Selbstherrlichkeit ihrer Idee, 
sondern nur noch einerseits durch die Denkträgheit 
und Unwissenheit der Massen, andrerseits durch poli- 
zeilichen Schutz existirt. Mit der noch nothdürftig 
zusammenhaltenden Form des modernen Polizeistaates 
wird auch die Macht der Kirche zusammenbrechen 
und Redensarten wie vom ewigen Fels Petri und 
dergleichen mehr werden gegen die Gewalt der 
Thatsachen nichts vermögen. Die ethische Seele des 
Christenthums wird bleiben, weil sie ewig menschlich 
ist; aber der dogmatische Leib wird in dem immer 
heftiger werdenden Zusammenstoss mit der modernen 
Kultur zu Staub zerfallen. 

Geschichte der Literatur. Joh. Schcrr. 

In meinen Staaten müssen alle Religionen tole- 
rirt werden, keine darf der andern Abbruch thun, 
und Jeder hat das Recht, nach eigener Fagon selig 
zu werden. Friedrich II., der Grosse. 



Frage und Antwort. — Was nehmen jetzt wilde 
Völkerschaften zuerst von den Europäern an? Brannt- 
wein und Christenthum, die europäischen Narcotica. 

— Und woran gehen sie am schnellsten zu Grunde? 

— An den europäischen Narcoticis. 

La gaya scienza. F. NictZSChe. 



36 



Die Unwissenheit und der Aberglaube werden 
in demselben Maasse abnehmen, in welchem der freie 
Staat für gute Schulen, für Erziehung und Bildung 
seiner Angehörigen auf dem Boden der vorange- 
schrittenen Wissenschaft und für ihr Wohlsein auf 
Erden sorgen wird. Die Anwälte des Himmels haben 
nur so lange Geltung, so lange die Erde für die 
grosse Mehrzahl der Menschen ein Jammerthal ist, 
und so lange gewisse Herren es für gut finden, aus 
der Dummheit der Massen Nutzen für sich selbst zu 
ziehen. In demselben Maasse dagegen, in welchem 
Armuth, Elend und Unwissenheit abnehmen, wird, 
wie gesagt, auch die Macht der Kirche und der 
Priester abnehmen, und der Staat wird nicht nöthig 
haben, sich in seinem eigenen Bestände gegen deren 
Anmassungen zu schützen und sicher zu stellen. 
Damit wird denn auch die so oft ventilirte Frage 
über das Verhältniss von Staat und Kirche 
auf die denkbar einfachste Weise gelöst 
werden. 

Aus Natur und Wissenschaft. L, BÜChncr. 



Lasst uns Jedem die vollständigste Glaubens- und 
Gewissensfreiheit einräumen, aber auch den Sieg der 
Duldsamkeit erst dann als entschieden betrachten, 
wenn die Kirche nicht mehr und nicht weniger ist 
als ein Verein wie jeder andere Verein. 
F. A. Pipitz: Mirabeau. Q, jj. Comtc de Mirabcau. 




37 



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39 



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Dass der Zweifel an dem Gegebenen und Ueber- 
lieferten der Vater aller wirklichen Forschung, wird 
heutzutage nur noch von Leuten bestritten, welche 
in Sachen des Denkens und Wissens überhaupt nicht 
mitzählen. 

Menschliche Tragikomödie, Band 2. Joll. SchCIT. 



Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus 
seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmün- 
digkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes 
ohne Leitung eines andern zu bedienen, selbstver- 
schuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache 
derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern 
der EntSchliessung und des Muthes liegt, sich seiner 
ohne Leitung zu bedienen. Sapere aude! ist der 
"Wahrspruch der Aufklärung. 

Schriften zur Philosophie und zur Logik. J. KSint. 



Man kann nicht vorsichtig genug sein in Be- 
kanntmachung eigener Meinungen, die auf Leben 
und Glückseligkeit hinauslaufen ; hingegen nicht emsig 
genug, Menschenverstand und Zweifeln einzuschärfen. 
Vermischte Schriften I. G. Chr. Lichtenberg. 



41 



Aufklärung in allen Ständen besteht eigentlich 
in richtigen Begriffen von unsem wesentlichen Be- 
dürfnissen. 
Vermischte Schriften I. Q. Chr. Lichtenberg. 

Willst Du mitgehn? oder vorangehn? oder für 
Dich gehn? . . . Man muss wissen, was man will 
und dass man will. 

Götzen-Dämmerung. F. NletZSChC. 

„Das Leben ein Mittel der Erkennt- 
nis s" — mit diesem Grundsatz im Herzen kann man 
nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und 
fröhlich lachen! 

La gaya scienxa. F. NietZSChC. 

Widersprechen können. — Jeder weiss jetzt, 
dass Widerspruch- Vertragen-Können ein hohes Zeichen 
von Kultur ist. Einige wissen sogar, dass der höhere 
Mensch den Widerspruch gegen sich wünscht und 
hervorruft, um einen Fingerzeig über seine ihm bis- 
her unbekannte Ungerechtigkeit zu bekommen. Aber 
das Widersprechen-Können, das erlangte gute 
Gewissen bei der Feindseligkeit gegen das Gewohnte, 
Ueberlieferte, Geheiligte, — das ist mehr als jenes 
Beides und das eigentlich Grosse, Neue, Erstaunliche 
unserer Kultur, der Schritt aller Schritte des befrei- 
ten Geistes: wer weiss das? — 

La gaya scienxa. F. NletZSChe. 

Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu 
sein: — es ist ein Vorrecht der Starken. Und wer 



42 



es versucht, auch mit dem besten Rechte dazu, aber 
ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahr- 
scheinlich nicht nur stark, sondern bis zur Ausge- 
lassenheit verwegen ist. 

Jenseits von Gut und Böse. F. NletZSChe. 

In jedem rückhaltslos ehrlichen Bekenntniss liegt 
eine starke sittliche Kraft 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H* V. XrcitSChke. 



Es ist ein neuer Schritt zum selbstständig wer- 
den, wenn man erst Ansichten zu äussern wag^, die 
als schmählich für den gelten, welcher sie hegt; da 
pflegen auch die Freunde und Bekannten ängstlich 
zu werden. Auch durch dieses Feuer muss die be- 
gabte Natur hindurch; sie gehört sich hintendrein 
noch viel mehr selber an. 

Menschliches Allzumenschliches. F. NletZSChC. 



Mensch sein, heisst ein Kämpfer sein! 

Letzte Gänge. Joh. SchefT. 

Denn das ist nun einmal das Schicksal der 
Menschen: im Streit miteinander bilden sie sich aus. 

Weltgeschichte, Band 5. L. V. Ranke. 



Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen 
an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: viel- 
mehr ist sie eine so spröde Schöne, dass selbst wer 
ihr alles opfert, nicht ihrer Gunst gewiss sein darf 

Welt als Wille und Vorstellung. A. SchOpenhaUer. 



43 



Nackt kann die Wahrheit vor dem Volke nicht 
erscheinen. 

Welt ab Wille und Vorstellung. A. SchopenhaUCr. 



Aber man findet erst was man sucht, das heisst 

was man schon selber gedacht hat, man lernt von 

andern nur was man schon weiss, wofür man schon 

innerlich bereitet ist. 

Aesthetik, Band i. Moriz Cafrl^re. 





44 



4S 



I! 




Kein anderes Motiv hat jederzeit die Menschen 
zu wahnsinnigerer Wuth entflammt als der Zwist um 
ihre Götter. 

Joh. Scherr. 



Geschichte der Deutschen Frauenwelt. 



Es ist nicht der Kampf der Meinungen, welcher 
die Geschichte so gewaltthätig gemacht hat, sondern 
der Kampf des Glaubens an die Meinungen, das heisst 
der Ueberzeugungen. 



Menschliches Allzumenschliches. 



F. Nietzsche, 



Die Kunst der Seher ist ein eitles Nichts: Be- 
trüger sind sie alle, oder sind betrogen. 

Braut von Messina. F. V. Schillcr. 

Die Priester sind , wie bekannt, die bösesten 
Feinde — weshalb doch? Weil sie die ohnmäch- 
tigsten sind. 

Zur Genealogie der Moral. F. NlctZSChe. 

Man darf sicher sein, dass die Losung „man 
muss Gott mehr gehorchen als den Menschen," laut 



47 



! ) 



wurde und laut wird, wo es galt oder gilt, „von 
Glaubens wegen" einen Blödsinn oder eine Ab- 
scheulichkeit oder einen Kannibalismus zu begehen. 

Hammerschläge und Historien. Joh. ScheiT. 



Die Menschen waren Kinder, denen die Priester 
wie die Wärterinnen allerlei Märchen erzählten, da- 
mit sie stille wären; den Verstand aber Hessen sie 
schlafen, damit sie der Ruthe nicht entwüchsen. Die 
Natur erzeugt Bienen und Hummeln, Ameisen und 
Faulthiere, aber erzeugt sie auch Priester, Betrogene 
und Betrüger? Wir machen sie selbst und ich furchte, 
sie leiern fort in saecula saeculorum. 

Demokritos IV. K. J. WcbCF. 



Theologie verhält sich zur Religion, wie Chicane 
zur Justiz, und künftige Jahrhunderte werden ihr den 
Platz anweisen, den Astrologie, Magie und Alchimie 
bereits eingenommen haben. 

Demokritos V. K. J. Wcbcr. 



Gott machte den Menschen nach seinem Bilde, 
sagen die heiligen Bücher, und das ist wahrlich schon 
mehr, als wir erwarten können, aber die Sacrosancti 
machten gar Gott zu einem Menschen, der Gott nach 
seinem Bilde oder seiner Fratze machte. Der liebe 
Gott wollte, dass etwa tausend Millionen Menschen 
herumkriechen sollten, wovon etwa */,o Christen, 
'/,o Moslems, die übrigen sogenannte Heiden sein 



48 



h 



möchten; die Sacrosancti aber wollten, dass diese 
Vre ewig verdammt sein sollten, wo ihr allmächtiges 
Absolve te, „ich spreche dich los" nicht rette. 
Demokritos IV. K. J. Weber. 

Erst müssen wir glauben, und dann glauben wir. 
Vermischte Schriften. Q. Chr.. Lichtenberg. 



Predige den Glauben, bis du ihn hast, und dann 
wirst du ihn predigen, weil du ihn hast. 

Morgenröthe. F. NletZSChC. 

Es ist doch eine schöne Sache um die Frömmig- 
keit ! Kein Universalmittel, das an Brauchbarkeit und 
Wirksamkeit ihr gleich käme, weshalb denn auch 
die Gaukler und Gauner mit diesem der mensch- 
lichen Dummheit so wunderbar sympathischen Ar- 
kanum allzeit so gern operirt und so herrliche Ge- 
schäfte gemacht haben. 

Menschliche Tragikomödie, Band 2. Joh. SchcrT. 



Denn was glaubte der Mensch nicht, wenn es 
nur stark genug seiner Eitelkeit schmeichelt. 

Philosophie des Unbewussten. E, V, HSUrtntianil, 



Es dürfte überhaupt schwer oder unmöglich sein, 
eine Schamlosigkeit, Gaunerei, Schurkerei oder Bru- 
talität auszuhecken, für welche sich im „Buch der 
Bücher" nicht ein frommes Vorbild auffinden Hesse. 

Menschliche Tragikomödie, Band 1. Joh. Schcrr, 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



Ich glaube kaum, dass es möglich sein wird, zu 
beweisen, dass wir das Werk eines höchsten Wesens, 
und nicht vielmehr zum Zeitvertreib von einem sehr 
unvollkommenen zusammengesetzt sind. 
Vermischte Schriften I. G. Chr. Lichtenberg. 



Unsere Welt wird noch so fein werden, dass es 

so lächerlich sein wird, einen Gott zu glauben, als 

heutzutage Gespenster. 

G. Chr. Lichtenberg. 



Vermischte Schriften 1. 



Wenn jemand auf die Aerzte, auf Advocaten, oder 
die elenden Philosophen loszielt, so lachen die Ver- 
nünftigen unter denselben mit. Allein wenn man auf 
einen schlechten Geistlichen etwas sagt, deren es 
doch auch giebt, so werfen selbst gute Männer unter 
ihnen mit Eifer und Verfolgung um sich. Was ist 

davon wohl die Ursache? 

Vermischte Schriften I. G. Chr. Lichtenberg. 



Die Kehrseite des christlichen Mitleidens am 
Leiden des Nächsten ist die tiefe Beargwöhnung aller 
Freuden des Nächsten, seiner Freuden an Allem, was 
er will und kann. 

Morgenröthe. F. NietZSChe. 

Je dümmer, desto schöner; je alberner, desto ver- 
ehrungswürdiger; je sinnloser, desto erbaulicher. In 
diesen zwölf Worten fasst sich bekanntlich das Er- 
gebniss sämmtlicher Dogmengeschichten sämmtlicher 



Religionen zusammen. Es giebt keine Narrheit und 
keine Ungeheuerlichkeit, welche der Mensch nicht 
ausgesonnen hätte, um sich anbetend davor nieder- 
zuwerfen. 

Menschliche Tragikomödie, Band 2. Joh. ScherT. 



Komisch mag es auch erscheinen, dass man zu 
allen Zeiten diejenigen am lautesten für individuelle 
Unsterblichkeit kämpfen oder eifern sah, deren per- 
sönliche Seele einer so langen und sorgsamen Auf- 
bewahrung vielleicht am wenigsten würdig gewesen 
wäre. 
Kraft und Stoff. L, Büchner. 

Das Christenthum ist gepredigt worden als die 
Religion des Armen und Elenden, aber durch eine 
merkwürdige Dialektik der Geschichte ist es zugleich 
die Lieblingsreligion derjenigen geworden, welche 
Armuth und Elend für eine ewige Ordnung Gottes 
im diesseitigen Leben halten und welchen diese gött- 
liche Ordnung namentlich deshalb so wohl gefällt, 
weil sie die natürHche Basis ihrer bevorzugten Stel- 
lung ist 

Geschichte de« Materialismus. F, A. Lsinge. 



Alle Christen glauben, dass die Armen und Elen- 
den, und die in der Welt schlimm fahren, gesegnet 
sind ; dass ein Kameel eher durch ein Nadelöhr geht, 
als ein Reicher ins Himmelreich; dass man nicht 
richten soll, um nicht wieder gerichtet zu werden; 



^o 



^ 



51 



dass Schwören eine Sünde ist; dass man nicht für 
den morgenden Tag sorgen soll ; dass man, um voll- 
kommen zu werden, alle seine Habe verkaufen und 
an die Armen geben soll. Es ist nicht Unaufrichtig- 
keit, wenn sie sagen, dass sie an diese Dinge glauben. 
Sie glauben daran, wie man an alles glaubt, was 
stets gelobt und nie angetastet wird. Allein im Sinne 
jenes lebendigen Glaubens, der die Handlungsweise 
regelt, glauben sie an diese Lehre genau so weit, als 
man darnach zu handeln pflegt. Die Masse der 
Gläubigen fühlt sich durch diese Lehre nicht ge- 
packt, ihr Inneres ist ihrer Gewalt nicht unterthan. 
Alan hat eine herkömmliche Achtung für ihren Klang, 
aber kein Gefühl, das von den Worten auf die be- 
zeichneten Dinge übergeht, und die Seele zwingt, 
diese in sich aufzunehmen und den Formeln anzu- 



passen. — 

Ueber die Freiheit. 



J. St. Mül. 



Die Ketzerei war und ist überall und allzeit die 
Zwillingsschwester der Orthodoxie, die Sekten waren 
und sind die Stieftöchter der Mutter Kirche. Die 
Geschichte der letzteren ist zugleich die Geschichte 
einer fortwährenden Auflehnung gegen sie. Was 
die sogenannte Welthistorie vom Christenthum er- 
zählt, ist nichts als eine endlose Variation des gegen- 
sätzlichen Thema's Glaube und Zweifel, Autorität und 
Zweifel, Dogma und Selbstbestimmung. 

^""'*°^- Joh. Scherr. 



Man mag von den Ausschreitungen der römischen 
Klerisei sagen, was man will, so wird man nicht 
leugnen können, dass die katholische Religion eine 
Religion voll Leben, voll Glanz, voll Anschaulich- 
keit und eine frohmüthige Erfindung ist, überhaupt 
wie einst die Religion der alten Hellenen eine 
Religion, nicht ein trübseliger Moralkodex wie 
der Protestantismus, der mir wie ein unerfreulicher 
vom Winter her liegen gebliebener Schneehaufen vor- 
kommt, von dem die Weltsonne täglich mehr und mehr 
fortleckt, bis er in rationalistischen und reformerischen 
Wasserbächlein ganz verlaufen sein wird. — 

Ich stehe dem Christenthum so objektiv gegen- 
über w4e irgend einem uralten Azteken-Cultus, da 
ich glaube, dass für den Gebildeten unserer Zeit im 
reinen Humanismus alle Ideen liegen, die ihm 
zur Erhebung und zum innem Frieden dienen. 

Italiaenische Reise. » tt ttt-j 

_ J. V. Widmann. 

Wenn ich aber suche, mir vorstellig zu machen, 
dass ich vor einem individuellen Wesen stände, zu 
dem ich sagte: „mein Schöpfer! ich bin einst nichts 
gewesen: du aber hast mich hervorgebracht, so dass 
ich jetzt etwas und zwar ich bin;" — und dazu noch: 
„ich danke dir für diese Wohlthat," und am Ende 
gar: „wenn ich nichts getaugt habe, so ist das meine 
Schuld;" — so muss ich gestehen, dass in Folge philo- 
sophischer und indischer Studien mein Kopf unfähig 
geworden ist, einen solchen Gedanken auszuhalten. 
Uebcr Religion. A. Schopenhauer. 



J 



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53 



11 



Wenn der Glaube nicht seelig machte, so würde 
er nicht geglaubt werden: wie wenig wird er also 
werth sein! 

Menschliches AlUumenschliches. F. NietZSChC. 



Was für ein schlechtes Gewissen die Religion 
haben muss, ist daran zu ersehen, dass es bei so 
schweren Strafen verboten ist, über sie zu spotten, 
ueber Religion. A. Schopenhauer. 

Kirchenzwang kann keine Menschen bilden, die 
Weltanschauung des Mittelalters kann keine Völker 
erziehen, weil sie der Sinnlichkeit, die veredelt und 
geläutert werden soll, nur eine andere, eine subli- 
mirte Sinnlichkeit entgegenzusetzen hat. 

Kritische Gänge 1860. p^ 'pjj^ VlSChef. 

Man muss Religion und Kunst wie Mutter und 
Amme geliebt haben — sonst kann man nicht weise 
werden. Aber man muss über sie hinaussehen, ihnen 
entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so 
versteht man sie nicht. 

Menschliches Allzumenschliches. F. MletZSChC 



Religionen können, als auf die Fassungskraft der 
grossen Menge berechnet, nur eine mittelbare, nicht 
eine unmittelbare Wahrheit haben: diese von ihnen 
verlangen ist, wie wenn man die im Buchdrucker- 
rahmen aufgesetzten Lettern lesen wollte, statt ihres 
Abdruckes. Der Werth einer Religion wird dem- 
nach abhängen von dem grossem oder geringem 
Gehalt an Wahrheit, den sie, unter dem Schleier der 



Allegorie, in sich trägt, sodann von der grossem 
oder geringem Deutlichkeit, mit welcher derselbe 
durch diesen Schleier sichtbar wird, also von der 
Durchsichtigkeit des letztem. 

Welt als Wille und Vorstellung, Band 2. A. SchopenhaUer. 



Die Leidenschaften und Begierden vernichten, 
blos um ihrer Dummheit und den unangenehmen 
Folgen ihrer Dummheit vorzubeugen, erscheint uns 
heute selbst blos als eine akute Form der Dumm- 
heit. — Die Kirche bekämpft die Leidenschaft mit 
Ausschneidung in jedem Sinn: ihre Praktik, ihre 
„Kur" ist derCastratismus. Sie fragt nie: „wie ver- 
geistigt, verschönt, vergöttlicht man eine Begierde?" 
— Sie hat zu allen Zeiten den Nachdmck der Dis- 
ziplin auf die Ausrottung gelegt. Aber die Leiden- 
schaften an der Wurzel angreifen heisst das Leben 
an der Wurzel angreifen: die Praxis der Kirche ist 
lebensfeindlich. 

Götzen-Dämmerung. F. NletZSChC. 

Kann irgend eine Religion mehr Entsagung ver- 
langen, unerbittlicher den Selbstsüchtigen aus sich 
hinausziehen als die Wissenschaft? 

Menschliches Allzumenschllches. F. NictZSChe. 



In der That besteht zwischen der Religion und 
der wirklichen Wissenschaft nicht Verwandtschaft, 
noch Freundschaft, noch selbst Feindschaft: sie leben 
auf verschiedenen Sternen. 

Menschliches Allzumenschliches. F. NletZSCllC 



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55 



Angewöhnung geistiger Grundsätze ohne Gründe 
nennt man Glauben. 

Menschliches Allzumenschliches. p^ NfletZSChe 



Machte das Christenthum also die Menschheit 
glücklich? Im ganzen sagte die Geschichte ein lautes 
Nein ! Man betrachte das Mittelalter, Amerika, selbst 
Spanien und Italien unserer Zeit. „Ja, es war nicht 
das wahre Christenthum!" sagen diejenigen Theo- 
logen, die den Nutzen der Moral, welche nicht zu 
ihrem System des Glaubens stimmen will, verwerfen, 
und den Jammer ihres Systems, der nur auf Glauben 
ging, verbessern wollten durch Hinweisung auf Moral, 
und wie Aale nirgends zu fassen sind; das Gute der 
Moral schreiben sie ihrem Christenthum, und das 
Böse der Welt, der Philosophie zu. Europa ist 
glücklicher als die übrige Welt, und wem verdanken 
wir solches zunächst? Der Wiederauffindung der 
Alten, verbreitet durch Buchdruckerkunst, und der 
durch Philosophie beförderten Aufklärung bestimmt 
mehr, als dem Christenthum oder gar der Theologie, 
was noch heute der Bonzengeist nicht erkennen will. 

Demokritos, Band IV. K. J. "WebCr. 

Vergessen wir nie, dass erst das Christenthum 
es war, das aus dem Sterbebette ein Marterbett 
gemacht hat , und dass mit den Scenen , welche 
auf ihm zeither gesehen wurden, mit den entsetz- 
lichen Tönen, welche hier zum ersten Male möglich 



56 



erschienen, die Sinne und das Blut zahlloser Zeugen 
für ihr Leben und das ihrer Nachkommen vergiftet 
worden sind! 

Morgenröthe. ^^ p. NletZSChe. 

Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter 
steht, als was Du selbst darauf geschrieben. 

Dr. Martin Luther. 

Der ausser- und übermenschliche Gott ist nichts 
anderes, als das ausser- und übernatürliche Selbst, 
das seinen Schranken entrückte, über sein objektives 
Wesen gestellte subjektive Wesen des Menschen. 

L. Feuerbach. 



L. Büchner: Kraft und Stoff. 



Es bleibt unumstösslich richtig, was die Bibel 
sagt, dass nicht Liebe und Zutrauen, sondern die 
Furcht Gottes der Anfang aller religiösen Erhebung sei. 

Kulturgeschichte der Menschheit, Band i. J, Lippcrt. 



Ein Gott, der allwissend und allmächtig ist, und 
der nicht einmal dafür sorgt, dass seine Absicht von 
seinen Geschöpfen verstanden wird, — sollte das ein 
Gott der Güte sein? Der die zahllosen Zweifel und 
Bedenken fortbestehen lässt, Jahrtausende lang, als 
ob sie für das Heil der Menschheit unbedenklich 
wären, und der doch wieder die entsetzlichsten Folgen 
bei einem Sich -Vergreifen an der Wahrheit in Aus- 
sicht stellt? Würde es nicht ein grausamer Gott sein, 
wenn er die Wahrheit hätte und es ansehen könnte, 
wie die Menschheit sich jämmerlich um sie quält? 



57 



/' 



— Aber vielleicht ist es doch ein Gott der Güte, — 
und er konnte sich nur nicht deutlicher ausdrücken! 
So, fehlte es ihm vielleicht an Geist dazu? Oder an 
Beredsamkeit? Um so schlimmer! Dann irrte er sich 
vielleicht auch in dem, was er seine „Wahrheit" 
nennt und — 

Morgcnröthc. F. NlctZSChe. 



Der Theologismus — einerlei, ob katholisch oder 
lutherisch — hatte guten Grund gegen die unge- 
heure naturwissenschaftliche Umwälzung, welche 
Köpemik, Kepler und Galilei zuwegebrachten, indem 
sie die Sonne als Centrum unseres Planetensystems 
nachwiesen imd die heliocentrische Weltanschauung 
an die Stelle der mittelalterlichen geocentrischen 
setzten, mit allen Kräften und Mitteln sich zu sträu- 
ben. Denn seit unsere arme kleine Erde aufgehört 
hat, für den unbeweglichen Mittelpunkt des Weltalls 
zu gelten, seit sie nur noch ein winziges Ding von 
Planet ist, welcher um die Sonne kreist, seitdem ist 
der grosse Wahn, das Universum sei um der Men- 
schen willen geschaffen worden und da, aus den 
Schädeln denkender Menschen — also vorderhand 
freilich nur einer kleinen Minderheit — weggefegt. 
Auf diesen grossen Wahn war aber das ganze jüdisch- 
christliche Dogmengerüste erbaut: es steht oder 
schwebt demnach in der Luft von der Stunde an, 
wo seine Basis unter ihm weggezogen wurde. 

Germania. ' Joh. SchefT. 



r' 



Die, welche wähnen, dass die Wissenschaften 
immer weiter fortschreiten und immer mehr sich 
verbreiten können, ohne dass dies die Religion hin- 
dere, immer fort zu bestehen und zu floriren, — die 
sind in einem grossen Irrthum befangen. Religionen 
sind Kinder der Unwissenheit, die ihre Mutter nicht 
lange überleben ... Es ist augenscheinlich, dass 
nachgerade die Völker schon damit umgehen, das 
Joch des Glaubens abzuschütteln: die Symptome da- 
von zeigen sich überall, wiewohl in jedem Lande 
besonders modifizirt. Die Ursache ist das zu viele 
Wissen, welches unter sie gekommen ist. Denn 
Glauben und Wissen vertragen sich nicht wohl im 
selben Kopfe ; sie sind darin wie Wolf und Schaf in 
einem Käfig; und zwar ist das Wissen der Wolf, 
der den Nachbar aufzufressen droht. In ihren Todes- 
nöthen sieht man die Religionen sich an die Moral 
anklammem, für deren Mutter sie sich ausgeben 
möchten : — aber mit Nichten ! Aechte Moral und Mora- 
lität ist von keiner Religion abhängig; wiewohl jede 
sie sanktionirt und ihr dadurch eine Stütze gewährt 

Parcrga und Paralipomena II. A. SchopcnhaUer. 

Die beständige Noth, welche dcis Herz des Men- 
schen bald schwer beängstigt, bald heftig bewegt 
und ihn fortwährend im Zustande des Fürchtens und 
Hoffens erhält, während die Dinge, von denen er 
hoffet und fürchtet, nicht in seiner Gewalt stehen, 
ja, der Zusammenhang der Kausalketten, an denen 
solche herbeigeführt werden, nur eine kurze Spanne 



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59 



weit von seiner Erkenntniss erreicht werden kann: 
— diese Xoth, dies stete Fürchten und Hoffen, bringt 
ihn dahin, dass er die Hj'pothese persönhcher Wesen 
macht, von denen alles abhinge. Von solchen nun 
lässt sich voraussetzen, dass sie, gleich andern Per- 
sonen, für Bitten und Schmeichelei, Dienst und Gabe 
empfänglich, also tractabler sein werden, als die starre 
Nothwendigkeit, die unerbittlichen, gefühllosen Natur- 
kräfte und die dunkeln Mächte des Weltlaufs. Sind 
nun anfangs, wie es natürlich ist, diese Götter, nach 
Verschiedenheit der Angelegenheit, mehrere, so wer- 
den sie später, durch das Bedürfniss, Konsequenz, 
Ordnung und Einheit in die Erkenntniss zu bringen, 
Einem unterworfen, oder gar auf Einen reducirt 
werden .... Das Wesentliche jedoch ist der Drang 
des geängsteten Menschen sich niederzuwerfen und 
Hülfe anzuflehen, in seiner häufigen, kläglichen und 
grossen Noth. Damit also sein Herz die Erleich- 
terung des Betens und den Trost des Hoffens habe, 
muss sein Intellect ihm einen Gott schaffen ; nicht aber 
umgekehrt, weil sein Intellect auf einen Gott logisch 
richtig geschlossen hat, betet er. Lasst ihn ohne Noth, 
Wünsche und Bedürfnisse sein ; so braucht er keinen 
Gott und macht auch keinen .... Weil also gebetet 
werden soll, wird ein Gott hypostasirt; nicht umgekehrt. 

Parerga und Paralipomena I. ^^ SchOpenhaUer. 

Die Religion, in ihrer historischen Erscheinung, 
ist nicht das reine, ideale, aber das praktische Sitt- 
lichkeitsprinzip im Menschen. 

Kulturgeschichte der Menschheit, Band i. J« LippCrt. 



.J 



Alle Religion steht im Antagonismus mit der 
Kultur, 
ueber Religion. A. Schopenhauer. 

Dem Tyrannen steht es wohl an, religiöse Er- 
hebung zu predigen, und die, denen er auf Erden 
kein Plätzchen verstatten will, an den Himmel zu 
verweisen; wir andern müssen weniger eilen, diese 
von ihm empfohlene Ansicht der Religion uns anzu- 
eignen und, falls wir können, verhindern, dass man 
die Erde zur Hölle mache, um eine desto grössere 
Sehnsucht nach dem Himmel zu erregen. 

Reden an die deutsche Nation. T Q^ FichtC 

Für Menschen, denen die Erde nichts mehr 
bietet, ward der Himmel erfunden . . . Heil dieser 
Erfindung! Heil einer Religion, die dem leidenden 
Menschengeschlechte in den bittem Kelch einige 
süsse einschläfernde Tropfen goss, geistiges Opium, 
einige Tropfen Liebe, Glaube und Hofiftiung. 

Ucbcr Ludwig Börne. H. Heine. 

Von dem Augenblicke an, wo eine Religion 
bei der Philosophie Hülfe begehrt, ist ihr Untergang 
unabwendlich. Sie sucht sich zu vertheidigen und 
schwatzt sich immer tiefer ins Verderben hinein. Die 
Religion, wie jeder Absolutismus, darf sich nicht 
justifiziren. 
Salon- H. Heine. 



Denn so ist der Mensch: ein Glaubenssatz könnte 
ihm tausendfach widerlegt sein — gesetzt, er hätte 



V 



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61 



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ihn nöthig, so w'ürde er ihn auch immer wieder für 
„wahr"* halten — gemäss jenem berühmten „Beweise 
der Kraft,*- von dem die Bibel redet. 

La gaya scienza. F. NlctZSChC. 

Die ungeheure Mehrzahl der Menschen lebt 
heute unbefangen ihren endlichen Zwecken, und sie 
hat darum nichts an Sittlichkeit verloren, denn im 
irdischen Wirken erprobt sich die echte Tugend. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H, V, XrcitSChke. 



Unmittelbar, im gewöhnlichen Leben und in 
einer wohlgeordneten Gesellschaft, bedarf es der 
Religion durchaus nicht, um das Leben zu bilden, 
sondern es reicht für diese Zwecke die wahre Sitt- 
lichkeit vollkommen hin. 

J. G. Fichte. 



Reden an die deutsche Nation. 



Die Religion ist ein subjektives Bedürfhiss des 
schwachen Menschenherzens und eben darum kein 
Gegenstand des Meinungskampfes. Denn über des 
Menschen sittliche Würde entscheidet nicht was er 
glaubt, sondern wie er glaubt. Allzuoft haben wir 
erlebt, wie ein und derselbe Glaube den Einen zum 
Grössten begeisterte, den Andern in niedrige Ge- 
meinheit stürzte. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V, TrcitSChkC. 

Religion ist das Tasten aus dem Zeitlichen hin- 
aus und in die Ewigkeit hinein, ein Pfadsuchen vom 
Endlichen zum Unendlichen, ein Brückenschlagen 



/^ 



vom Sinnlichen ins Unsinnliche. Geht man diesem 
eiteln Mühen und Ringen bis zu seiner letzten Wurzel- 
faser nach, so findet man, dass dieselbe heisst: Angst 
vor dem Aufhören müssen, horror vacui, Todesfurcht. 
Man kann also die Religion mit Fug und Recht eine 
Assekuranzanstalt für das Seelenheil heissen, eine 
Unsterblichkeitsversicherungsgesellschaft. Asseku- 
ranzanstalten setzen aber die Solidarität der Inte- 
ressen ihrer Theilnehmer voraus und ihr Gedeihen 
beruht auf einer möglichst zahlreichen Betheiligung. 
Je grösser die Anzahl der Gesellschaftsmitglieder, 
desto grösser das Assekuranzkapital und desto grösser 
mithin auch die Sicherheit der Assekurirten — 
wenigstens in der Einbildung derselben; denn es 
untersteht ja keinem Zweifel, dass die Menschen 
stets bereit sind, alles, was sie von Tausenden, Hun- 
derttausenden und Millionen geglaubt sehen und 
hören, ohne weiteres für wahr und richtig, für sicher 
und gewiss zu halten. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joh, SchefT. 

« 
I 

Denn die Menschen glauben an die Wahrheit 
dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird. 

Menschliches Allzumenschliches. F. NletZSChe. 



Religionen enthalten Wunder, zur Beglaubigung 
ihres Inhalts: aber es kommt eine Zeit heran, wo 
sie das Gegentheil bewirken. 
Ueber Religion. A. SchopenhaueF. 



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03 



I 



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Wer irgend einen Begriff davon hat, in welcher 
ungeheuren Ausdehnung der Glaube an die Dogmen 
der christlichen Offenbarung dem jungem Geschlecht 
geschwunden ist, der kann nur mit schwerer Sorge 
beobachten, wie gedankenlos, wie träge, ja wie ver- 
logen Tausende einem Lippenglauben huldigen, der 
ihrem Herzen fremd geworden. — Die Furcht vor 
einer strenggläubigen Behörde, ja die Furcht vor 
dem Nasenrümpfen der sogenannten guten Gesell- 
schaft reicht hin, Unzählige zum Verleugnen ihres 
Glaubens zu bewegen. In den vornehmen Kreisen 
ist man stillschweigend übereingekommen, gewisse 
hochwichtige religiöse Fragen nie zu berühren, und 
so träumen der Gebildeten Viele dahin, welche mit 
Absicht den Kreis ihrer Gedanken verringern, sich 
grundsätzlich ihres Rechtes begeben, über religiöse 
Dinge zu denken. In erschreckender Stärke wuchert 
auf dem religiösen Gebiete der Geist der Unwahrheit. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. fj^ y^ TfCitSChke 

Jede Religion, so lange sie im rechten Safte 
steht, das heisst so lange sie an sich selber glaubt, 
ist fanatisch und verfolgungssüchtig. Sie muss es 
sein, sie kann nicht anders. Religiöse Toleranz ist 
ein untrügliches Merkmal, dass die noch zu Recht 
bestehende Glaubensform von der Civilisation über- 
holt, von der Zeitbildung überflügelt worden sei und 
nur noch eine konventionelle Bedeutung habe. Der 
Bestand einer derartig abgelebten und eingeholten 
Religion ist dann weiter nichts mehr, als eine organi- 



sirte Heuchelei, welcher sich auch die denkenden 
Menschen — zu ihrer Schmach sei es gesagt! — 
unterwerfen, indem sie mit vornehmem Achselzucken 
das religiöse Institut fortgelten lassen als eine geistige 
Succursale der weltlichen Polizei, „gut genug für den 
grossen Haufen." 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joh. ScheFT 

Am Sterbebette des Christenthums. — Die wirk- 
lich aktiven Menschen sind jetzt innerlich ohne 
Christenthum, und die massigeren und betrachtsameren 
Menschen des geistigen Mittelstandes besitzen nur 
noch ein zurechtgemachtes, nämlich ein wunderlich 
vereinfachtes Christenthum. Ein Gott, der in 
seiner Liebe Alles so fügt, wie es uns schliesslich 
am besten sein wird, ein Gott, der unsere Tugend 
wie unser Glück giebt und nimmt, so dass es im 
Ganzen immer recht und gut zugeht und kein Grund 
bleibt, das Leben schwer zu nehmen oder gar zu 
verklagen, kurz, die Resignation und Bescheiden- 
heit zur Gottheit erhoben, — das ist das Beste und 
Lebendigste, was vom Christenthum noch übrig ge- 
blieben ist. Aber man sollte doch merken, dass da- 
mit das Christenthum in einen sanften Moralis- 
mus übergetreten ist: nicht sowohl „Gott, Freiheit 
und Unsterblichkeit" sind übrig geblieben, als Wohl- 
wollen und anständige Gesinnung, und der Glaube, 
dass auch im ganzen All Wohlwollen und anständige 
Gesinnung herrschen werden: es ist die Euthanasie 
des Christenthums. 

Morgenröthe. F. NletZSChe. 



64 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



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Mehr und mehr wird der sittliche Gehalt des 
Christenthums von weltlichen Händen ergründet und 
ausgebildet werden, und mehr und mehr wird es 
sich herausstellen, dass geschlossene Kirchen den 
geistigen Bedürfnissen reifer Völker nicht genügen. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V. TrcltSChke 



Ich glaube daher behaupten zu können : die Sitt- 
lichkeit ist unabhängig von Dogma und Legislation, 
sie ist ein reines Produkt des gesunden Menschen- 
gefühls, und die wahre Sittlichkeit, die Vernunft des 
Herzens, wird ewig fortleben, wenn auch Kirche 
und Staat zu Grunde gehen. 

Ueber Ludwig Börne. H. HcinC. 

Dagegen soll die Religion der alten Zeit, die 
das geistige Leben von dem göttlichen abtrennte, 
und dem erstem nur vermittelst eines Abfalls von dem 
zweiten das absolute Dasein zu verschaiFen wusste, 
das sie ihm zugedacht hatte, und welche Gott als 
Faden brauchte, um die Selbstsucht über den Tod 
des sterblichen Leibes hinaus in andere Welten ein- 
zuführen und durch Furcht und Hoffnung in diesem 
die für die gegenwärtige Welt schwach Gebliebenen 
zu verstärken — diese Religion, die offenbar eine 
Dienerin der Selbstsucht war, soll allerdings mit der 
alten Zeit zugleich zu Grabe getragen werden; in 
der neuen Zeit bricht die Ewigkeit nicht erst jenseits 
des Grabes an, sondern sie kommt ihr mitten in ihre 
Gegenwart hinein, die Selbstsucht aber ist sowohl 



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des Regierens, als des Dienstes entlassen und zieht 
demnach auch ihre Dienerschaft mit ihr ab. 

Reden an die deutsche Nation. T Q, FlchtC 

Religionen sind dem Volke nothwendig und sind 
ihm eine unschätzbare Wohlthat. Wenn sie jedoch 
den Fortschritt der Menschheit in der Erkenntniss 
der Wahrheit sich entgegenstellen wollen, so müssen 
sie mit möglichster Schonung bei Seite geschoben 
werden. Und zu verlangen, dass sogar ein grosser 
Geist — ein Shakespeare, ein Goethe — die Dogmen 
irgend einer Religion simpliciter, bona fide et sensu 
proprio zu seiner Ueberzeugung mache, ist wie ver- 
langen, dass ein Riese den Schuh eines Zwerges 
anziehe. 

Welt als Wille und Vorstellung, Band 2. A. SchopenhaUCr. 

Und die Starken zerbrechen, die grossen Hoff- 
nungen ankränkeln, das Glück in der Schönheit ver- 
dächtigen, alles Selbstherrliche, Männliche, Erobernde, 
Herrschsüchtige, alle Instinkte, welche dem höchsten 
und wohlgerathensten Typus „Mensch" zu eigen sind, 
in Unsicherheit, Gewissensnoth, Selbstzerstörung um- 
knicken, ja die ganze Liebe zum Irdischen und zur 
Herrschaft über die Erde in Hass gegen die Erde 
und das Irdische zu verkehren — das stellte sich 
die Kirche zur Aufgabe und musste es sich stellen, 
bis für ihre Schätzung endlich „Entweltlichung," 
„Entsinnlichung" und „höherer IMensch" in Ein Ge- 
fühl zusammenschmolzen. 

Jenseits von Gut und Böse. p*, NlctZSClie« 



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Ich habe mich oft gewundert, dass Menschen, 
die sieh rühmen, sich zur christlichen Religion d. h. 
zur Liebe, Freudigkeit, Friedfertigkeit, Mässigung 
und Treue gegen jedermann zu bekennen, dass diese 
mit der rücksichtslosesten Härte streiten und den 
bittersten Hass täglich gegen einander auslassen, 
so dass leichter hieraus, als aus jenen Tugenden der 
Glaube eines jeden zu erkennen ist; denn schon lange 
ist es so weit gekommen, dass man fast niemanden 
als einen Christen, Türken, Juden oder Heiden anders 
erkennen kann, als aus dem Aeussem und aus der 
Kleidung, oder daraus, dass er diese oder jene Kirche 
besucht, oder auch dieser oder jener Meinung zu- 
gethan ist, und auf die Worte irgend eines Meisters 
zu schwören pflegt. Im übrigen ist der Lebens- 
wandel Aller der nämliche. Die Ursache dieses 
Uebels suchend, zweifelte ich nicht, dass es daraus 
entsprungen sei, dass dem grossen Haufen das Reli- 
gion war, die Dienste der Kirche als Würden, und 
ihre Aemter als Pfründen anzusehen und die Pfarrer 
in höchsten Ehren zu halten; sobald nämlich dieser 
Missbrauch in der Kirche aufkam, ergriff auch den 
Schlechtesten eine grosse Lust die heiligen Aemter 
zu verwalten, und der Drang, die göttliche Rehgion 
zu verbreiten artete in schmutzige Habsucht und 
Ehrgeiz, und so der Tempel selbst in eine Schau- 
bühne aus, wo nicht Kirchenlehrer, sondern Redner 
gehört wurden, von denen keiner sich sehnte, das 
Volk zu belehren, sondern es zur Bewunderung seiner 
selbst hinzureissen, und die anders Meinenden öffent- 



lich durchzuhecheln und nur das zu lehren, was neu 
und ungewöhnlich und was der Haufe am meisten 
bewundert; woraus dann wahrlich grosser Hader, 
Feindseligkeit und ein Hass, der durch keinen Zeit- 
veriauf gestillt werden konnte, entstehen musste. Es 
ist also nicht zu verwundern, dass von der alten 
Religion nichts geblieben, als ihr äusserlicher Kultus 
— durch welchen der Haufe Gott mehr zu schmei- 
cheln, als ihn anzubeten scheint — und dass der 
Glaube nichts anderes mehr ist, als Leichtgläubig- 
keit und Vorurtheile ; aber welche Vorurtheile ! Solche, 
die die Menschen aus vernünftigen Wesen zu Thieren 
machen, da sie Jeden gänzlich verhindern, sich seines 
freien Urtheils zu bedienen, und Wahres vom Falschen 
zu unterscheiden; solche Vorurtheile, die absichtlich 
dazu ersonnen scheinen, das Licht der Erkenntniss 
ganz und gar auszulöschen. Die sogenannte Fröm- 
migkeit, o unsterblicher Gott ! besteht in widersinnigen 
Geheimnissen, und Solche, welche die Vernunft ge- 
radezu verachten, und die Erkenntniss, als von Natur 
verderbt, verwerfen und von sich weisen, diese wer- 
den gar, gewiss mit höchstem Unrecht, dafür ange- 
sehen, im Besitze des göttlichen Lichtes zu sein. 
Und doch, wenn sie nur einen Funken des göttlichen 
Lichtes hätten, würden sie nicht so stolz ihrem Wahn- 
sinn fröhnen, sondern Gott weiser verehren lernen, 
und, so wie jetzt durch Hass, sich vielmehr durch 
Liebe vor Andern auszeichnen ; sie würden nicht mit 
so feindlicher Gesinnung die Andersdenkenden ver- 
folgen, sondern eher — wenn sie wirklich für das 



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Seelenheil derselben und nicht für ihr eigenes Glück 
besorgt wären — sie bemitleiden. 

Vorrede zum theologisch-politischen Traktat. B. SpinOZa. 

Es giebt nüchterne und gevverbstüchtige Leute, 
denen die Religion wie ein Saum höheren Menschen- 
thums angestickt ist: diese thun sehr wohl, religiös 
zu bleiben, es verschönert sie. Leute, welchen ihr 
tägliches Leben zu leer und eintönig vorkommt, 
werden leicht religiös: dies ist begreiflich und ver- 
zeihlich, nur haben sie kein Recht, Religiosität von 
denen zu fordern, denen das tägliche Leben nicht 
leer und eintönig verfliesst. 

Menschliches Allzumenschliches. p^ NictZSChe 

A'or einem aber kann und soll die reifende Ge- 
sittung der Menschheit ihre bahnbrechenden Geister 
bewahren: vor der Schmach, dass als Gotteslästerer 
und unsittliche Menschen geschmäht werden, die von 
der Lust des Denkens nicht lassen wollen. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V. TreitSChkC 

Verschiedenheit der Religionsmeinungen findet 
sich nur bei Alltagsmenschen; Leute von Geist haben 
nur eine Religion. „Und welche?" Ja, das sagen 
Leute, wenn sie Leute von Geist sind, nicht gerne 
laut hin, es ist die Religion ohne Namen. 

Demokritos IV. jw , --- . 

K. J. NVeber. 



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Aphorismen. 



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Unsere Thorheiten sind bemerkbarer als bemerkt. 

Hamburger Dramaturgie. Q. E. LcSSlng. 

Wer auch an eine beständige Fortschreitung der 
Menschheit nicht glaubt, wird doch wenigstens die 
im Abgeschmackten eingestehen müssen. 

Dramaturgische Blätter. L^ BÖrnC, 

Denn zu allen Zeiten liebten und lieben es die 
Menschen, die Thorheit der Vorfahren lächerlich, 
ihre eigene aber ehrwürdig zu finden. 

Geschichte der deutschen Frauenwelt. Joh. SchcrT» 



Die Thorheiten wollen sich ausleben und es ist 
ihnen zu allen Zeiten mit Verboten mehr nur schein- 
bar als wirklich beizukommen. 

Geschichte der deutschen Frauenwelt. Joh, Sclierr. 



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Unsere Thorheiten sind bemerkbarer als bemerkt. 

Hamburger Dramaturgie. Q^ £, LcSSlng. 

Wer auch an eine beständige Fortschreitung der 
^fenschheit nicht glaubt, wird doch wenigstens die 
im Abgeschmackten eingestehen müssen. 

Dramaturgische Blätter. L^ BÖmC. 

Denn zu allen Zeiten liebten und lieben es die 
Menschen, die Thorheit der Vorfahren lächerlich, 
ihre eigene aber ehrwürdig zu finden. 

Geschichte der deutschen Frauenwelt. Jfoll. Schcrr. 



Die Thorheiten wollen sich ausleben und es ist 
ihnen zu allen Zeiten mit Verboten mehr nur schein- 
bar als wirklich beizukommen. 

Geschichte der deutschen Frauenwelt. Joh. Schcrr, 



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Wer uns einmal in den Augen der Welt und 
in unseren eigenen lächerlich gemacht hat, zieht für 
sich selbst selten Gewinn daraus. 
Kapitän Mansana. Bjomstjeme Bjömson. 



Die Eigenliebe der Menschen wird durch nichts 
so empfindlich gerührt, als wenn man sie lächerlich 
macht. Sie bleiben gleichgültig, wenn ich ihnen sage, 
dass ihre Laster abscheulich sind; wenn es hoch 
kommt, so werden sie verdriesslich. Aber alsdann 
schämen sie sich, wenn ich ihnen ihre Schoosssünden, 
ihre Fehler, mit denen sie sich brüsten, von der 
lächerlichsten Seite zeige. 

Satirische Abhandlungen. G. W^. RabenCF. 



Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr 
ihren Charakter, als durch das, was sie lächerlich 
finden. 

J. W. Goethe. 



Die Wahlverwandtschaften. 



Aber auch die Narrheit verlangt Form und Norm 
und der Wahnsinn gestaltet sich gerne methodisch. 

' Menschliche Tragikomödie, 2. Joh. ScherF. 

Für Juristen. — Gäbe es wirklich ein objek- 
tives Recht, wie könnte da ein Unterschied 
zwischen Recht und Gesetz sein. 

Kraft und Stoff. L. BÜChnCr. 



Hundert Thorheiten gäbe es weniger, wenn man 
sie nicht so ernst nähme. 

Demokritos VIII. K. J. WebCF. 



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Je mehr ein Mensch des ganzes Ernstes fähig 
ist, desto herzlicher kann er lachen. Menschen, deren 
Lachen stets afFektirt und gezwungen herauskommt, 
sind intellektuell und moralisch von leichtem Gehalt; 
wie denn überhaupt die Art des Lachens und an- 
dererseits der Anlass dazu, sehr charakteristisch für 
die Person ist. 

Welt als Wille und Vorstellung 2. A. SchopenhaUCr. 



Leute von grossen und glänzenden Eigenschaf- 
ten machen sich wenig daraus, ihre Fehler und 
Schwächen einzugestehen, oder sehen zu lassen. Sie 
betrachten solche als etwas, dafür sie bezahlt haben, 
oder denken wohl gar, dass eher noch, als die 
Schwächen ihnen schaden, sie den Schwächen Ehre 
machen werden. Besonders aber w4rd dies der Fall 
sein, wenn es Fehler sind, die gerade mit ihren grossen 
Eigenschaften zusammenhängen, gemäss dem Aus- 
druck der George Sand: chacun a les defauts de ses 
vertus. — 

Dagegen giebt es Leute von gutem Charakter 
und untadelhaftem Kopfe, die ihre wenigen und ge- 
ringen Schwächen nie eingestehen, vielmehr sie sorg- 
fältig verbergen, auch sehr empfindlich gegen jede 
Andeutung derselben sind: eben weil ihr ganzes 
Verdienst in der Abwesenheit von Fehlem und Ge- 
brechen besteht, daher es durch jeden zu Tage kom- 
menden Fehler geradezu geschmälert wird. 

Parerga und Paralipomena U. p^ SchOpenhaUCr. 



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1 






Wir betrügen und schmeicheln Niemandem durch 
so feine Kunstgriffe, als uns selbst. 

Welt als Wille und Vorstellung i. A. SchOpenhaUCr. 



Die Menschheit bedarf zu ihrer Fortdauer einer 
Mischung von Dummheit, wie die Luft eines Beisatzes 
von Stickgas bedarf, um athembar zu bleiben. 

Kritiken. L. BÖmC. 

Das Correktiv nicht nur des Ruhmes und der 
modernen Ruhmbegier, sondern des höher entwickel- 
ten Individualismus überhaupt, ist der moderne Spott 
und Hohn, womöglich in der siegreichen Form des 
Witzes. 

Kultur der Renaissance, Band i. J, BUrCkhardt. 



Der Hohn ist nur dann berechtigt, wenn er dem 
edlen Zorn eines überlegenen Geistes entspringt. 

Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. H. V. TreitSChkC 



Man darf dem Menschen sonst alles Böse nach- 
sagen: aber in der Art, wie man es sagt, muss man 
seine Eitelkeit wieder aufzurichten wissen. 

Menschliches Allzumenschliches. P, NletZSChC. 



!Mit Spott tödtet man den Fanatismus gerade so, 
wie man mit Oel das Feuer löscht. 

Menschliche Tragikomödie, Band 2. Joh. Schcrr» 



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Es geht nichts über Ketzerrichter im eigenen 
Lager, und unter Freunden, die lange aus einem 
Topf gegessen haben, ist man ungerechter als gegen 
Feinde. 

Moritz Busch: Unser Reichskanzler, Band i. OttO V. Blsniarck. 



Was die Leute gemeiniglich das Schicksal nennen 
sind meistens nur ihre eignen dummen Streiche. 

Parerga und Paralipomena I. A. SchOpenhaUer. 

Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte 
Gesetze, alte Gebräuche und alte Religionen, hat 
man alles Uebel in der Welt zu danken. 

Vermischte Schriften L Q, Chf. Lichtenberg. 

Es ist eine goldene Regel, dass man die Men- 
schen nicht nach ihren Meinungen beurtheilen müsse, 
sondern nach dem, was diese Meinungen aus ihnen 
machen. 
Vermischte Schriften L Q. Chr. Lichtenberg. 

Es giebt jetzt Vorschriften, was man sein soll, 
SO mancherlei Arten, dass es kein Wunder wäre, 
wenn die Menge auf den Gedanken geriethe zu 
bleiben, was sie ist. 
Vermischte Schriften I. G. Chr. Lichtenberg. 



Es ist kein tückischeres und boshafteres Geschöpf 
unter der Sonne, als eine Hure, wenn sie Alters 
wegen sich genöthigt sieht, eine Betschwester zu 
werden. 

Vermischte Schriften L G. Cllf. Lichtenberg. 



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Es gibt Menschen, die wesentlich Spiegel dessen 
sind, was sie rmgibt; man thut ihnen Unrecht, wenn 
man sich beharrlich nach ihrer Ueberzeugung, nach 
ihren inneren Kämpfen und tieferen Lebensresultaten 
erkundigt. 

Kultur der Renaissance, Band 2. J. BUfCkhardt, 



Beschränkten Menschen ist es eigen, dass sie die 
wenigen Ideen, die in dem engen Kreise ihrer 
Fassungskraft liegen, mit einer Klarheit ergreifen, 
die uns in der Schätzung ihres Geistes oft irre macht. 
Sie sind wie Bettler, die das Gepräge und die Jahres- 
zahl jedes ihrer Kreuzer kennen. 

Kritiken und Aphorismen. L. BÖmC 



Ich habe durch mein ganzes Leben gefunden, 
dass sich der Charakter eines Menschen aus nichts 
so sicher erkennen lässt, wenn alle ^Mittel fehlen, 
als aus einem Scherz, den er übel nimmt. 
Vermischte Schriften I. G. Chr. Lichtenberg. 



Das „Erhebende" am Unglück des 
Nächsten. Er ist im Unglück, und nun kommen 
die „Mitleidigen" und malen ihm sein Unglück aus, 
— endlich gehen sie befriedigt und erhoben fort: 
sie haben sich an dem Entsetzen des Unglücklichen 
wie an dem eigenen Entsetzen geweidet und sich 
einen guten Nachmittag gemacht. 

Morgenröthe. F. NietZSChC, 



Von allen Trostmitteln thut Trostbedürftigen 
Nichts so wohl, als die Behauptung, für ihren Fall 
gebe es keinen Trost. Darin liegt eine solche Aus- 
zeichnung, dass sie wieder den Kopf erheben. 

Morgenröthe. F. NictZSChe. 



Alan nimmt in der Welt jeden, wofür er sich 
giebt; aber er muss sich auch für etwas geben. 

Die Wahlverwandtschaften. J. *\^, GoCthe. 

Diejenigen, welche mit kaltem Herzen von den 
Verlusten des Armen als von einer glücklichen Er- 
lösung für die Hingeschiedenen und einer segens- 
reichen Erleichterung für die Hinterbliebenen reden, 
wissen wenig von dem Schmerz solcher Verluste. 
Ein stiller Blick der Liebe und Achtung, wenn sich 
alle andern Augen kalt von uns abwenden — das 
Bewusstsein, dass wir uns der Theilnahme und Liebe 
eines Wesens erfreuen, wenn alle andern uns ver- 
lassen haben — ist ein Anhalt, eine Stütze, ein Trost 
in der tiefsten Betrübniss, welchen kein Reichthum 
erkaufen, keine Gewalt gewähren kann. 
Die pickwickier, Band i. Charlcs Dlckens (Boz.) 

Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig 
ist, gleich fällt es uns ein. Wie oft können wir 
jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne 
daran zu denken. 

Die Wahlverwandtschaften. J, VV^. GoethC 



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Wenn irgend ein guter Kopf die Aufmerksam- 
keit des Publikums durch ein verdienstliches Werk 
auf sich gezogen hat, so thut man das Möglichste, 
um zu verhindern, dass er jemals dergleichen wieder 

hervorbringt. 

J. W. Goethe. 



Dichtung und Wahrheit. 



Es ist was Schreckliches um einen vorzüglichen 
Mann, auf den sich die Dummen was zugute thun. 

Die Wahlverwandtschaften. J, ^V. GoCthe. 

Ein Buch, was nicht werth ist, zweimal wenig- 
stens gelesen zu werden, ist auch nicht werth, dass 
man es einmal liest. 

Demokritüs I. K. J. WcbCr, 

Unter die grössten Entdeckungen, auf die der 
menschliche Geist in den neuesten Zeiten verfallen 
ist, gehört meiner Meinung nach wohl die Kunst, 
Bücher zu beurtheilen, ohne sie gelesen zu haben. 

Vermischte Schriften II. G. Chf. Lichtenberg, 



Die Fliege, die nicht geklappt sein will, setzt 
sich am sichersten auf die Klappe selbst. 
Vermischte Schriften u. G. Chf. Lichtenberg. 



Eidesformel. — „Wenn ich jetzt lüge, so bin 
ich kein anständiger Mensch mehr, und jeder soll 
es mir ins Gesicht sagen dürfen/' — Diese Formel 
empfehle ich an Stelle des gerichtlichen Eides und 
der üblichen Anrufung Gottes dabei: sie ist stärker. 



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Auch der Fromme hat keinen Grund, sich ihr zu 
widersetzen: sobald nämlich der bisherige Eid 
nicht mehr hinreichend nützt, muss der Fromme 
auf seinen Katechismus hören, welcher vorschreibt : 
„Du sollst den Namen Gottes deines Herrn nicht 
unnützlich führen." 

Morgenröthc. F. NletZSChe. 

Die Leugner des Zufalls. — Kein Sieger 
glaubt an den Zufall. 

La gaya scienza. F. NletZSChC. 

Es giebt Menschen, die wohnen auf dem Cimbo- 
rasso der Gemeinheit. Es ist unmöglich, ihnen bei- 
zukommen — sie behalten immer Recht. Der Witz, 
der sie aufsucht, sinkt schon am Fusse des Berges 
entathmet nieder und bekennt mit Scham, dass ein 
Prügel besser sei als eine Lanze. 

Fragmente und Aphorismen. _ L. BÖme. 

Es giebt Kränkungen, die, was auch auf der 
Kanzel darüber phantasirt werden mag, ein rechter 
Mensch nie verzeiht, nie verzeihen kann. 

Schiller und seine Zeit. ^^^ ^z)l^VV. 

Neid ist das sichere Zeichen des Mangels, also, 
wenn auf Verdienste gerichtet, des Mangels an 
Verdiensten. 

Parerga und Paralipomena II. A. SchOpenhaUer. 

Was nützen uns oft die wärmsten Freunde? 
Sie lieben uns höchstens wie sich selbst — - aber 
wie lieben sie sich selbst! 

Fragmente und Aphorismen. L. Böme. 




Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



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Der Ehrgeiz aber ist allerdings ein positiver 

Trieb, und zwar einer von denen, nach denen man, 

wie nach Salzwasser, um so durstiger wird, je mehr 

man trinkt. 

Philosophie des Unbewussten. E. V. Hartmann. 

Gereizte Stimmungen werden durch Aussprechen 
kränker, wenn sie nicht auf Missverständnissen, 
sondern auf Thatsachen beruhen. 

Geschichte der Revolutionszeit, Band 2. "• V. SyDCl. 

Selbst die reinste Natur, der unbestechlichste 
Mann lässt sich durch Freundlichkeit bestechen. 

Joh. Scherr. 



Hammerschläge und Historien. 



Es ist die räthselhafte Mischung aus Gewissen 
und Selbstsucht, welche dem modernen Älenschen 
noch übrig bleibt, auch wenn er durch oder ohne 
seine Schuld alles Uebrige, Glaube, Liebe und 
Hoffnung eingebüsst hat. Dieses Ehrgefühl verträgt 
sich mit vielem Egoismus und grossen Lastern und 
ist ungeheurer Täuschungen fähig; aber auch alles 
Edle, das in einer Persönlichkeit übrig geblieben, 
kann sich daran anschliessen und aus diesem Quell 
neue Kräfte schöpfen. In viel weiterem Sinne, als 
man gewöhnlich denkt, ist es für die heutigen 
individuell entwickelten Europäer eine entscheidende 
Richtschnur des Handelns geworden; auch Viele von 
denjenigen, welche noch ausserdem Sitte und Reli- 
gion treulich festhalten, fassen doch die wichtigsten 
Entschlüsse unbewusst nach jenem Gefühl. 

Kultur der Renaissance, Band 2. J. BurCkhardt. 



Um zu gefallen, muss man eitel sein; man lernt 
der Eitelkeit anderer nur an sich selbst schmeicheln. 

Fragmente und Aphorismen. L^ BÖme 

Denn die Menschen halten um so eifriger auf 
einen Titel, je zweideutiger und ungewisser der 
Titulus ist, der sie dazu berechtigt. 

Reisebilder. H. HeiOC. 



!Man wird selten irren, wenn man extreme 
Handlungen auf Eitelkeit, mittelmässige auf Ge- 
wöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt. 

Menschliches, Allzumenschliches. p*^ NlctZSChC 



Denn wer nicht einen Gehalt in sich selber trägt 
und dem Ernste des Lebens sich hingegeben hat, 
der kann weder eigenthümlichen Geist entfalten, 
noch das Vergnügen der Erholung und seine Würze 



gemessen. 

Aesthetik, Band i. 



Moritz Carriere. 



Höflichkeit ist Staatspapier des Herzens, das 
oft um so grössere Zinsen trägt, je unsicherer das 
Kapital ist 



Fragmente und Aphorismen. 



L. Börne. 



Denn zuverlässig verdankt mancher das Glück 
seines Lebens bloss dem Umstände, dass er ein ange- 

« 

nehmes Lächeln besitzt, womit er die Herzen ge- 
winnt. — Jedoch thäten die Herzen besser, sich in 
Acht zu nehmen und aus Hamlets Gedächtnisstafel 



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zu wessen, dass Einer lächeln und lächeln kann, 
und ein Schurke sein. 

Psychologische Bemerkungen. A. SchOpCnhaUer. 

Der gesellige Umgang soll demokratisch sein, 
keine Empfindung, kein Gedanke soll vorherrschen; 
sondern alle Empfindungen und alle Gedanken sollen 
an die Reihe kommen. 

Aus meinem Tagebuche. L. BömC 



Denn der Zauber, welchen eine wahrhaft vor- 
nehme Haltung auf Andere ausübt, hat sich mehr 
als einmal als verhängnissvolles Surrogat besserer 
Eigenschaften, der bürgerlichen Redlichkeit und 
eines wahrhaft adeligen Sinnes, bewiesen. 

Bilder aus der deutschen Vergangenheit 1861. GuStaV FrCytag, 



Es giebt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist 
der Liebe verwandt. Aus dieser entspringt die be- 
quemste Höflichkeit des äusseren Betragens. 

J. W. Goethe. 



Die Wahlverwandtschaften. 



Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflich- 
keit Dummheit: sich mittelst ihrer unnöthiger und 
muthwilliger Weise Feinde machen ist Raserei, wie 
w^enn man sein Haus in Brand steckt. Denn Höf- 
lichkeit ist, wie die Rechenpfennige, eine offenkundig 
falsche Münze: mit einer solchen sparsam zu sein, 
beweist Unverstand, hingegen Freigebigkeit mit ihr 
Verstand. 

Welt als Wille und Vorstellung I. A. SchopenhaUCr. 



In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschen- 
hass, aber eben darum allzuviel von Menschenver- 
achtung. 

F. Nietzsche. 



Jenseits von Gut und Böse. 



Vom Volke Israel. — Zu den Schauspielen, 
auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, 
gehört die Entscheidung im Schicksale der euro- 
päischen Juden. Dass sie ihren Würfel geworfen, 
ihren Rubikon überschritten haben, greift man jetzt 
mit beiden Händen: es bleibt ihnen nur noch übrig, 
entweder die Herren Europas zu werden oder Europa 
zu verlassen, so wie sie einst vor langen Zeiten 
Aeg}^pten verloren, wo sie sich vor ein ähnliches 
Entweder — Oder gestellt hatten. In Europa aber 
haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten 
durchgemacht, wie sie hier kein anderes Volk auf- 
weisen kann, und zwar so, dass nicht eben der Ge- 
meinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Er- 
fahrungen dieser entsetzlichen Uebungszeit zu Gute 
gekommen sind. In Folge davon sind die selischen 
und geistigen Hülfsquellen bei den jetzigen Juden 
ausserordentlich ; sie greifen in der Noth am seltensten 
von Allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder 
zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu ent- 
gehen, — was dem geringer Begabten so nahe liegt. 
Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und 
Grossväter eine Fundgrube von Beispielen kältester 
Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren 
Lagen, von feinster Ueberlistung und Ausnützung 



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des Unglücks und des Zufalls ; ihre Tapferkeit unter 
dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr 
Heroismus im spemere se spemi übertrifft die Tugen- 
den aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen 
wollen, dadurch, dass man sie zwei Jahrtausende 
lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang 
zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür 
sie um so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe 
hineinstiess, — und wahrhaftig, sie sind unter dieser 
Procedur nicht reinlicher geworden. Aber verächt- 
lich ? Sie haben selber nie aufgehört , sich zu den 
höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso 
haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört, 
sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und 
ihre Brüder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und 
Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus. 
Zu alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht 
und der ewigen Rache sich aus den Gewerben zu 
schaffen, welche man ihnen überliess (oder denen 
man sie überliess) ; man muss es zur Entschuldigung 
selbst ihres Wuchers sagen, dass sie ohne diese 
gelegentliche angenehme und nützliche Folterung 
ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, 
sich so lange selbst zu achten. Denn unsere 
Achtung vor uns selber ist daran gebunden, dass 
w^r Wieder\^ergeltung im Guten und Schlimmen 
üben können. Dabei reisst sie ihre Rache nicht 
leicht zu weit: denn sie haben Alle die Freisinnig- 
keit, auch die der Seele, zu welcher der häufige 
Wechsel des Ortes, des Klimas, der Sitten von 



86 



Nachbarn und Unterdrückern den Menschen erzieht, 
sie besitzen die bei Weitem grösste Erfahrung in 
allem menschlichen Verkehre und üben selbst in 
der Leidenschaft noch die Vorsicht dieser Erfahrung. 
Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und Gewitztheit 
sind sie so sicher, dass sie nie, selbst in der bittersten 
Lage nicht, nöthig haben, mit der physischen Kraft, 
als grobe Arbeiter, Lastträger, Ackerbausklaven ihr 
Brod zu erwerben. Ihren Manieren merkt man noch 
an, dass man ihnen niemals ritterlich vornehme 
Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um 
den Leib gegeben hat : etwas Zudringliches wechselt 
mit einer oft zärtlichen, fast stets peinlichen Unter- 
würfigkeit. Aber jetzt, da sie unvermeidlich von 
Jahr zu Jahr mehr sich mit dem besten Adel Eu- 
ropas verschwägern, werden sie bald eine gute 
Erbschaft von Manieren des Geistes und Leibes 
gemacht haben: sodass sie in hundert Jahren schon 
vornehm genug dreinschauen werden, um als Herren 
bei den ihnen Unterworfenen nicht Scham zu erregen. 
Und darauf kommt es an ! Deshalb ist ein Austrag 
ihrer Sache für jetzt noch verfrüht ! Sie wissen selber 
am besten, dass an eine Eroberung Europas und 
an irgend welche Gewaltsamkeit für sie nicht zu 
denken ist: wohl aber, dass Europa irgendwann ein- 
mal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hand 
fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegen- 
streckt. Inzwischen haben sie dazu nöthig, auf allen 
Gebieten der europäischen Auszeichnung sich aus- 
zuzeichnen und unter den Ersten zu stehen: bis sie 



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es so weit bringen, Das, was auszeichnen soll, selber 
zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und 
Wegzeiger der Europäer heissen und nicht mehr 
deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch 
diese Fülle angesammelter grosser Eindrücke, welche 
die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie 
ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, 
Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller 
Art, — wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht 
zuletzt in grosse geistige Menschen und Werke! 
Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und 
goldene Gefässe als ihr Werk hingewiesen haben, 
wie sie die europäischen Völker kürzerer und 
weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen ver- 
mögen und vermochten, wenn Israel seine ewige 
Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt 
haben wird: dann wird jener siebente Tag wdeder 
einmal da sein, an dem der alte Judengott sich 
seiner selber, seiner Schöpfung und seines aus- 
erw^ählten Volkes freuen darf, — und wir Alle, 
Alle wollen uns mit ihm freun! 

Morgenröthe. p^ NictZSChe. 

Das gemeine Volk hasst in den Juden immer 
nur die Geldbesitzer, es war immer das angehäufte 
Metall, welches die Blitze seines Zornes auf die Juden 
herabzog. — Aber ist es Schuld der Juden, dass sich 
dieser Geschäftsgeist bei ihnen so bedrohhch ent- 
wickelt hat? Die Schuld Hegt ganz an jenem Wahn- 
sinn, womit man im Mittelalter die Bedeutung der 



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Industrie verkannte, den Handel als etwas Unedles 
und gar die Geldgeschäfte als etwas Schimpfliches 
betrachtete und deshalb den einträghchsten Theil 
solcher Industriezweige, namentlich die Geldgeschäfte, 
in die Hände der Juden gab, so dass diese, aus- 
geschlossen von allen andern Gewerben, noth wen- 
digerweise die raffinirtesten Kauf leute und Banquiers 
werden mussten. Man zwang sie reich zu werden 
und hasste sie dann wegen ihres Reichthums; und 
obgleich jetzt die Christenheit ihre Vorurtheile gegen 
die Industrie aufgegeben hat, und die Christen in 
Handel und Gewerbe eben so grosse Spitzbuben und 
ebenso reich wie die Juden geworden sind, so ist 
dennoch an diesen Letztem der traditionelle Volks- 
hass haften geblieben, das Volk sieht in ihnen noch 
immer die Repräsentanten des Geldbesitzes und hasst 
sie. Sehen Sie, in der Weltgeschichte hat jeder 
Recht, sowohl der Hammer als der Ambos. 

Shakespeares Mädchen und Frauen. U T-Tpine 



Das Schicksal in Zahlen hat etw^as Beruhigendes, 
den Gründen der Mathematik und Statistik wider- 
steht keiner, und eine Arithmetik und Statistik der 
menschlichen Leidenschaften würde viel dazu bei- 
tragen, diese zu vermindern. 

Aus meinem Tagebuche. * *-*• XjOrnC, 

Das ist die alte bekannte List, durch Selbst- 
anklagen der Ueberraschung seiner eigenen Vor- 
würfe und der Anderer keck in den Weg zu treten. 

Ueber H. Heine. L. BÖmC. 



88 



89 



Ihr könnt Euch darauf verlassen, die Beschei- 
denheit der Leute hat immer ihre guten Gründe. 
Der liebe Gott hat gewöhnlich die Ausübung der 
Bescheidenheit und ähnlicher Tugenden den Seinen 
sehr erleichtert. Es ist z. B. leicht, dass man seinen 
Feinden verzeiht, wenn man zufällig nicht so viel 
Geist besitzt, um ihnen schaden zu können, so wie 
es auch leicht ist keine Weiber zu verführen, wenn 
man mit einer allzuschäbigen Nase gesegnet ist. 
Salon. H. Heine. 

Bei einem Todesfall braucht man zumeist Trost- 
gründe, nicht sowohl um die Gegenwart des Schmerzes 
zu lindem, sondern um zu entschuldigen, dass man 
sich so leicht getröstet fühlt. 

Menschliches Allzumenschlichcs. F. NlctZSChe. 



Kein Lebenslauf ist so einförmig, dass sich die 
Tage bloss wiederholten; nur der Stumpfsinn ist ge- 
gen die Einwirkungen des Wechsels verschlossen ; der 
empfindende Alensch geräth von selbst in ein gewisses 
Verhältniss zu ihnen, welches, je nach der Kraft seines 
Eingreifens, sich verschieden gestaltet. Eine starke 
Persönlichkeit macht den eigenen Willen zum Mittel- 
punkt der wechselnden Ereignisse und zwingt diese, 
so weit nur immer möglich, sich dem Willen anzu- 
passen. Eine schwache Persönlichkeit wird von den 
Ereignissen fortgerissen, wird gezwungen, die Rich- 
tung des eigenen Willens nach den äussern Ein- 
wirkungen zu verändern ; sie selbst kreist im Wechsel. 
Zur Erzeugung der Kraft, welche sich zum Mittel- 



90 



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punkt innerhalb des Wechsels macht, gehört die an- 
gemessene Vorbereitung auf die kommenden Ereig- 
nisse, am leichtesten bewältigt wird der Ueberraschte. 
Die Veränderungen kommen nach Gesetzen oder 
Zufällen, kommen plötzlich oder langsam. Die Auf- 
gabe der Erziehung ist, auf alle denkbaren 
Lagen vorzubereiten, auf sie eingerichtet sein ist 
der Inhalt der Bildung. 

Wege und Ziele der Kulturentwicklung. •C*« LaSKCr, 



Allein vergessen Sie nicht, dass die Humoristiker 

der Bühne im Leben fast durchgehends Melancholiker 

sind. 

Joh. Scherr. 



Eine deutsche Geschichte. 



Nichts kettet die Menschen fester aneinander, 
als gemeinsam begangenes Unrecht. 



Deutsche Geschichte im 19. Jahrh., Band 3. 



H. v. Treitschke. 



Die Art, wie er sein Vermögen verwendet, ist 
für den Menschen einer der sichersten Maassstäbe 
für die Beurtheilung seines Charakters und Bildungs- 
grades — in den Zwecken, für die er sein Geld aus- 
giebt, zeichnet er sich selbst. Das Ausgabenbuch 
eines Menschen sagt über seinen wahren Charakter 
unter Umständen mehr als seine Tagebücher. 

Zweck im Recht, B.ind i. R. V. Jhcring. 

Die letztwillige Liberalität ist psychologisch von 
der unter Lebenden himmelweit unterschieden. Was 
Jemand schenkt, opfert er, entzieht er sich selber 



91 



was er letztwillig giebt, giebt er nur, weil er selber 
es nicht behalten kann, oder richtiger, er giebt gar 
nicht, sondern, wie die Sprache treifend es ausdrückt, 
er „hinterlässt" das heisst er lässt zurück, weil er muss. 
Den Werth einer solchen Freigebigkeit darf man nicht 
hoch anschlagen. Es ist nicht selten, dass ein unver- 
besserlicher Geizhals, der in seinem Leben auch nicht 
die kleinste Gabe für milde Zwecke, Verwandte, 
Freunde übrig hatte, im Testament die reichsten Legate 
aussetzt und die glänzendsten Stiftungen macht. Für 
die Bedachten und die Gesellschaft mögen diese Zu- 
wendungen höchst werthvoll sein, aber psychologisch 
haben sie nicht den Werth einer Schenkung — die 
Gabe der kalten Hand verträgt sich mit eisiger Kälte 
des Herzens, sie ist keine Gabe vom Eigenen, son- 
dern aus dem Beutel der gesetzlichen Erben — warm 
ist nur die Gabe der warmen Hand. 

Zweck im Recht, Band i. R. y. Jheriog. 

Am Scheidewege. — Pfui! ihr wollt in ein 
System hinein, wo man entweder Rad sein muss, 
voll und ganz, oder unter die Räder geräth ! Wo es 
sich von selber versteht, dass Jeder das ist, wozu er 
von oben her gemacht wird! Wo das Suchen nach 
„Connexion" zu den natürlichen Pflichten gehört ! Wo 
keiner sich beleidigt fühlt, wenn er auf einen Mann 
mit dem Winke aufmerksam gemacht wird „er kann 
Ihnen einmal nützen," wo man sich nicht schämt, 
Besuche zu machen, um die Fürsprache einer Person 
zu erbitten ! Wo man nicht einmal ahnt, wie man sich 



durch eine geflissentliche Einordnung in solche Sitten 
ein für allemal als geringe Töpferwaare der Natur 
bezeichnet, welche Andere verbrauchen und zer- 
brechen dürfen, ohne sich sehr dafür verantwortlich 
zu fühlen ; gleich als ob man sagte : „an solcher Art, 
wie ich bin, wird es nie Mangel geben: nehmt mich 
hin! Ohne Umstände!" 

Morgenröthe. F. NletZSChC. 



.... Die Literatur sah sich in diesen Kreisen 
der Grossen und Reichen wieder vielfach von der 
Musik überflügelt, deren Vorwalten gleichfalls für 
Zeiten und Volksstände wie diese charakteristisch 
ist, weil sie eine weitgehende dilettantische Pflege 
gestattet, den Schein eines geistigen Interesses weckt 
und kein tieferes und ernsteres Denken verlangt. 

Weltgeschichte, Band 2. Oskar Jäger. 

Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Ver- 
gangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben. 

Flegeljahre. Jcan Paul. 

Es ist die tiefste und herrlichste Wirkung der 
musischen Künste und vor allem der Poesie, dass sie 
die Schranken der bürgerlichen Gemeinden aufheben 
und aus den Stämmen ein Volk, aus den Völkern 
eine Welt erschaffen. 

Römische Geschichte, Band i. Th. MommSen. 



Die Musik ist die wahre allgemeine Sprache, die 
man überall versteht . . . Jedoch redet sie nicht von 
Dingen, sondern von lauter Wohl und Wehe: darum 



92 



93 






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spricht sie so sehr zum Herzen, während sie dem 
Kopf unmittelbar nichts zu sagen hat und es ein 
Missbrauch ist, wenn man ihr Dies zumuthet, wie 
es in aller malenden Musik geschieht, welche daher, 
ein für allemal, verwerflich ist . . . Ein anderes ist 
Ausdruck der Leidenschaften, ein anderes Malerei 
der Dinge. 

Parerga und Paralipomena, Band 2. A. SchopcnhaUer, 

Wie wenig gehört zum Glücke ! Der Ton eines 
Dudelsackes. — Ohne Musik wäre das Leben 
ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott 
liedersingend. 

Götzen-Dämmerung . 



F. Nietzsche. 



Die glänzenden Blätter der Litterargeschichte 
sind, beinahe durchgängig, zugleich die tragischen. 
In allen Fächern bringen sie uns vor Augen, wie, 
in der Regel, das Verdienst hat warten müssen, bis 
die Narren ausgenarrt hatten, das Gelag zu Ende 
und Alles zu Bette gegangen war: dann erhob es 
sich, wie ein Gespenst aus tiefer Nacht, um seinen, 
ihm vorenthaltenen Ehrenplatz doch endlich noch 
als Schatten einzunehmen. 

Parerga und Paralipomena, Band i. A. SchOpenhaUCr. 




1- 



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Das Weib. 



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Die Weiber müssen Illusionen haben oder zu 
leben aufhören. Jede völlig enttäuschte Frau wird 
zur Selbstmörderin, häufig, ohne sich dessen bewusst 
zu sein. Die Frauen ertragen die Wahrheit nicht. 
Sie trägt ja kein Korsett, keinen Cul de Paris, kei- 
nen Chignon; sie geht — schrecklich zu sagen! — 
splitternackt. Die Weiber schämen sich ihrer, für sie. 

Hammerschläge und Historien. Joh. ScherT. 



Man sieht wohl zu Zeiten, weil der gute Ton 
es verlangt, Frauenhände Kränze zu den Füssen 
der Geisterkönige niederlegen; aber darauf be- 
schränkt sich so ziemlich der Verkehr der Damen 
mit denselben. 

Menschliche Tragikomödie, Band 3. Joh. SctieFT. 



Schwachheit, dein Nam' ist Weib. — 
Hamlet. W. Shakcspearc. 



^ 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



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Die Weiber müssen Illusionen haben oder zu 
leben aufhören. Jede völlig enttäuschte Frau wird 
zur Selbstmörderin, häufig, ohne sich dessen bewusst 
zu sein. Die Frauen ertragen die Wahrheit nicht. 
Sie trägt ja kein Korsett, keinen Cul de Paris, kei- 
nen Chignon; sie geht — schrecklich zu sagen! — 
splitternackt. Die Weiber schämen sich ihrer, für sie. 

Hammerschläge und Historien. Joh. Schcrr, 

Man sieht wohl zu Zeiten, weil der gute Ton 
es verlangt, Frauenhände Kränze zu den Füssen 
der Geisterkönige niederlegen; aber darauf be- 
schränkt sich so ziemlich der Verkehr der Damen 
mit denselben. 

Menschliche Tragikomödie, Band 3. Joh. SchefT, 

Schwachheit, dein Nam' ist Weib. — 
Hamlet. W. Shakespeare. 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 






Bist du ein Sklave? So kannst du nicht Freund 
sein. Bist du ein Tyrann? So kannst du nicht 
Freunde haben. 

Allzulange war im Weibe ein Sklave und ein 
Tyrann versteckt. Deshalb ist das Weib noch nicht 
der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe. 

In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit 
und Blindheit gegen alles, was es nicht liebt Und 
auch in der wissenden Liebe des Weibes ist immer 
noch Ueberfall und Blitz und Nacht neben dem 
Lichte. — Noch ist das Weib nicht der Freundschaft 
fähig: Katzen sind immer noch die Weiber und 
Vögel. Oder bestenfalls, Kühe. 

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. 
Aber sagt mir, ihr Männer, wer von euch ist denn 
fähig der Freundschaft? 

Also sprach Zarathustra. F. NletZSChe. 

Die Gefahr der Künstler, der Genies liegt im 
Weibe: die anbetenden Weiber sind ihr Ver- 
derben. Fast keiner hat Charakter genug, um nicht 
verdorben — „erlöst" zu werden, wenn er sich als 
Gott behandelt fühlt: — er condescendirt alsbald 
zum Weibe. — Der Mann ist feige vor allem Ewig- 
Weiblichen: das wissen die Weiblein. 

Der Fall Wagner. p^ NictZSChe. 

Ich wünschte wohl, dass alle Frauenzimmer 
einen Geschmack an den schönen Wissenschaften 
fänden; aber das wolle der Himmel nicht, dass alle 
Frauenzimmer dasjenige prächtig drucken 



98 



T; 



lassen, was sie mittelmässig gedacht 
haben. Ihren Freunden mögen sie es vorlesen, 
und ich werde es selbst mit Vergnügen anhören, 
wenn es gleich hin und wieder fehlerhaft ist; nur 
gedruckt mag ich es nicht lesen. Diejenige unum- 
schränkte Gewalt, welche wir dem Frauenzimmer 
aus Höflichkeit und Hochachtung an ihrem Nacht- 
tische zugestehen, diese hört gleich auf, sobald wir 
einander in dem Buchladen treffen. — Ein Frauen- 
zimmer, welches sich in den Krieg der Kunstrichter 
mischt, wagt viel, und begiebt sich selbst der Rechte, 
die ausserdem ein Frauenzimmer hat 

Satirische Abhandlungen. G. W^. Rabcner. 

Die Frauen nehmen körperliche Schönheit bei 
ihren Liebhabern gern in den Kauf, wo sichs von 
selbst füg^. Aber Rang in der Gesellschaft und 
Reichthum lassen sie über den Mangel solcher 
Vorzüge der äussern Erscheinung hinwegsehen. 

Italiänische Reise. J. V. Widmann. 

Gewöhnlich liebt eine Mutter sich mehr in ihrem 
Sohne, als den Sohn selber. 

Menschliches Allzumenschliches. F. NietZSChC. 



Genau bei Weibern weiss man niemals, wo der 
Engel aufhört imd der Teufel anfängt. 



Atta Troll. 



H. Heine. 



Die Frauen sind silberne Schalen, in die wir 
goldene Aepfel legen. 



J. P. Eckermann: Gespräche mit Goethe 11. 



W. Goethe. 



99 



In manchen weiblichen Herzkammern sind Mit- 
leiden und Neid so nahe Wandnachbam, dass sie 
nirgends tugendhaft wären als in der Hölle, wo die 
Menschen so erschrecklich viel ausstehen, und 
nirgends fehlerhaft als im Himmel, wo die Leute 
des Guten zu viel haben. 

Quintus Fixlein. JcaH Paul. 



Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so 
ist es zum Davonlaufen; und wenn es keine männ- 
lichen Tugenden hat, so läuft es selbst davon. 

Götzen-Dämmerung. F • NlCtZSChe. 

Alles Beste, Schönste, Heilsamste, was eine Frau 
sinnen und thun mag, vollzieht sich in dem Bereich 
der Sittlichkeit. Auch in Frauen wohnt der Genius 
und vermöge desselben ist es einzelnen gegeben, 
der empfangenden, bewahrenden, pflegenden und 
erhaltenden Eigenschaft des Weibes auch die 
schaffende des Mannes zu gesellen, wenn auch 
immer in geringerem Maasse und ohne wirkliche 
Originalität, weil es dem Weib schlechthin unmög- 
lich ist, sich völlig objektiv der Welt gegenüber- 
zustellen. Das Weib soll kein Mann sein wollen, 
oder es wird zur Karrikatur. Der Mann gilt durch 
edles und grosses Thun, die Frau durch schönes Sein. 

Das Weib hat — ausnahmsweise wohlverstan- 
den! — zur Dichterin und Künstlerin das Zeug, 
aber in der Wissenschaft wird sie es über den 
Dilettantismus nie hinausbringen, weil ihr das Ab- 



lOO 



straktionsvermögen abgeht. Die Frau ist ganz 
wesentlich die Pflegerin der Familienhaftigkeit und 
die Bewahrerin der Sitte. 

Geschichte der deutschen Frauenwelt. Joh. SchCIT. 



O die Weiber! Wir müssen ihnen viel verzeihen, 
denn sie lieben viel und so gar Viele. Ihr Hass ist 
eigentlich nur eine Liebe, welche umgesattelt hat. 
Zuweilen suchen sie auch uns Böses zuzufügen, weil 
sie dadurch einem andern Manne etwas Liebes zu 
erweisen denken. 

Geständnisse. rl. rieinC 

Bei Weibern ist die Liebe so oft eine Tochter 
als die Mutter der Eifersucht. 



Aus meinem Tagebuche. 



Lr. Börne. 



Ernsthafte Weiber gleichen einem leeren Koffer 
mit sieben Schlössern. 

Fragmente und Aphorismen. L. Börne. 



Man hält das Weib für tief — warum? Weil 
man nie bei ihm auf den Grund kommt. Das Weib 
ist noch nicht einmal flach. 

Götzen-Dämmerung. F, NictZSChC. 



Frauen verstehen die Liebe der Männer nicht 
zu schätzen. Weil sie alles, worüber sie schalten 
können, dafür hingeben, glauben sie den vollen Preis 
bezahlt zu haben. Es ist ihre ewige Täuschung, 
dass ihre Liebe grösser sei, denn sie wähnen zu 



lOI 



geben, wenn sie empfangen. Das Weib lebt nur, 
wenn es liebt, es findet sich erst, wenn es sich in 
einen Mann verliert. Das Herz der Frauen wird 
leer geboren, und nichts darin hat dem Bilde eines 
geliebten Mannes erst den Platz zu räumen. Aber 
die Seele des letztem ist voll und belebt, und er 
muss eine Welt verdrängen, um den Gegenstand 
seiner Liebe aufzunehmen. Er opfert dem Weib 
alle seine Sinne, seine Entwürfe, seine Hoffnungen. 

Vermischte Aufsätze. L. Böme. 

Liebe einzuflössen ist das unaufhörliche Be- 
streben der Weiber. Sie wünschen dem Mond ein 
Herz, um es auszufüllen. 

Vermischte Aufsäue. L. BÖme. 

Es ist schwer zu entscheiden, welches ein ver- 
driesslicheres Geschäft sei: die Lichter putzen oder 
Weiber durch Gründe belehren. Alle zwei Minuten 
muss die Arbeit wiederholt werden, und wird man 
ungeduldig, löscht man das kleine Licht gar aus. 

Fragmente und Aphorismen. L. Böme. 

Der Eigensinn einer Frau ist auf eine ganz 
wunderliche Art befestigt. Der Graben ist hinter 
dem Walle und hat man die steilsten Einwendungen 
erstiegen und glaubt, jetzt wäre alles geschehen, 
entdeckt man erst, dass das Schwerste noch zu 
thun sei. 

Fragmente und Aphorismen. L. BOme. 



102 



Unter Frauen. — „Die Wahrheit? Oh, Sie 
kennen die Wahrheit nicht! Ist sie nicht ein Attentat 
auf alle unsre pudeurs?" 

Götzen-Dämmerung. F*. NletZSChe. 

Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie 
es eine kleine Sünde begeht: zum Versuch, auf 
Vorübergehn, sich umblickend, ob es Jemand be- 
merkt und dass es Jemand bemerkt . . . 

Götzen-Dämmerung. P. NletZSChC. 

Unsere ganze Dichterei und Denkerei, vom 
Grössten bis zum Niedrigsten, ist durch die aus- 
schweifende Wichtigkeit, mit der die Liebes- 
geschichte darin als Hauptgeschichte auftritt, ge- 
zeichnet und mehr als gezeichnet: vielleicht dass 
ihrethalben die Nachwelt urtheilt, auf der ganzen 
Hinterlassenschaft der christlichen Kultur liege 
etwas Kleinliches und Verrücktes. 

Morgenröthe. F. NlctZSChe. 

Das Weib lernt hassen in dem Maasse, in dem 
es zu bezaubern verlernt. 

Jenseits von Gut und Böse. F. NietZSChe. 



Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das 
Weib mittelmässig. 

Jenseits von Gut und Böse. F. NietZSCiie. 

Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wieder 
die Scham. Es ist ihnen dabei zu Muthe, als ob 



103 



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man damit ihnen unter die Haut — schlimmer noch! 
unter Kleid und Putz gucken wolle. 

Jenseits von Gut und Böse. F. NletZSChe. 

Mit mehr Fug als das schöne könnte man 
das weibliche Geschlecht das unästhetische 
nennen. Weder für Musik, noch Poesie, noch 
bildende Künste haben sie wirklich und wahrhaftig 
Sinn und Empfänglichkeit; sondern blosse AefFerei, 
zum Behufe ihrer Gefallsucht, ist es, wenn sie solche 
affektiren und vorgeben. — Man darf nur die 
Richtung und Art ihrer Aufmerksamkeit im Concert, 
Oper und Schauspiel beobachten, z. B. die kindliche 
Unbefangenheit sehen, mit der sie, unter den schön- 
sten Stellen der grössten Meisterwerke, ihr Ge- 
plapper fortsetzen. 

Ueber die Weiber. A. SchOpenhaUer. 

Die Weiber haben selber im Hintergrunde aller 
persönlichen Eitelkeit immer noch ihre unpersönliche 
Verachtung — für „das Weib". 

Jenseits von Gut und Böse. F. NietZSChC. 





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Als Pythagoras seinen bekannten Lehrsatz ent- 
deckte, brachte er den Göttern eine Hekatombe 
dar. Seitdem zittern die Ochsen, so oft eine neue 
Wahrheit an das Licht kommt. 

Fragmente und Aphorismen. L, BÖmC« 



Wer in die Länge die Menschen führen will, 
darf ihnen nicht zumuthen zu laufen, geschweige 
denn zu fliegen, sondern muss sich begnügen, sie 
überhaupt gehen zu machen. Am liebsten ist es 
ihnen, so man sie im Kreise herumführt, ohne dass 
man sie es allzu handgreiflich merken lässt. 

Letzte Gänge. Joh. SchcrT. 

Die kurzsichtige Meinung der Vielen wird 
immer durch den Eindruck der letzten Stunde 
bestimmt 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V, XrcltSChke. 



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Als Pythagoras seinen bekannten Lehrsatz ent- 
deckte, brachte er den Göttern eine Hekatombe 
dar. Seitdem zittern die Ochsen, so oft eine neue 
Wahrheit an das Licht kommt. 

Fragmente und Aphorismen. L. BÖmC. 

Wer in die Länge die Menschen führen will, 
darf ihnen nicht zumuthen zu laufen, geschweige 
denn zu fliegen, sondern muss sich begnügen, sie 
überhaupt gehen zu machen. Am liebsten ist es 
ihnen, so man sie im Kreise herumführt, ohne dass 
man sie es allzu handgreiflich merken lässt. 

Letzte Gänge. Joh. SchcrF. 

Die kurzsichtige Meinung der Vielen wird 
immer durch den Eindruck der letzten Stunde 
bestimmt. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V. TfeltSChke. 



107 



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Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muss und 
hinausgepeitscht wird, während Madame Schooss- 
hündin am Feuer stehen und stinken darf. 
König Lear. W. Shakcspeare. 

Es ist bekannt, dass man ungestrafter gegen 
Sitte und Moral sündigen, als im kleinsten Punkte 
die Etiquette verletzen darf, 
ivanhoe. Walter Scott. 

Wie verlorene Dirnen sich über nichts so sehr 
ärgern und erbosen wie über jungfräuliche Keusch- 
heit und frauliche Würde, so ärgert und erbost sich 
unsere Zeit über nichts mehr als über Gesinnung 
und Charakter. Sie weiss wohl warum. 

Menschliche Tragikomödie, Band x. Joh. ScheFf. 



Der zertretene Wurm krümmt sich. So ist es 
klug. Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit, 
von Neuem getreten zu werden. In der Sprache 
der Moral: Demuth. 

Götzen-Dämmerung. F. NletZSChC. 

Wer es mit allem ernstlich nehmen will, geht 
umsonst und für nichts darüber zu Grunde. Ueber- 
all stossen wir auf Narren, und im Zeitalter der Auf- 
klärung und der Ichheit ist beinahe auch der ein 
Narr, der seinem Weibe und seinen Freunden traut 
und Wahrheit redet, ehrlich ist und an Tugend und 
Menschen glaubt. Schwerlich wird der Mensch mit 



io8 



allem, was in ihm und über ihm ist, jemals so eins 
werden, dass er nicht dumm oder wahnsinnig zu 
sein braucht, um recht glücklich zu sein, und wenn 
die Erdenwürmer einmal anfangen werden, der Ver- 
nunft zu huldigen, stirbt vielleicht die Erde. 

Demokritos VI. K. J. WebCF. 

Pfui über die Mahlzeiten, welche jetzt die Men- 
schen machen, in den Gasthäusern sowohl als über- 
all, wo die wohlbestellte Klasse der Gesellschaft 
lebt! Selbst wenn hochansehnliche Gelehrte zu- 
sammenkommen, ist es dieselbe Sitte, welche ihren 
Tisch wie den des Banquiers füllt : nach dem Gesetz 
des „Viel zu viel" und des „Vielerlei", — woraus 
folgt, dass die Speisen auf den Effect und nicht auf 
die Wirkung hin zubereitet werden, und aufregende 
Getränke helfen müssen, die Schwere im !Magen 
und Gehirn zu vertreiben. Pfui, welche Wüstheit 
und Ueberempfindsamkeit muss die allgemeine Folge 
sein! Pfui, welche Träume müssen ihnen kommen! 
Pfui, welche Künste und Bücher werden der Nach- 
tisch solcher Mahlzeiten sein ! Und mögen sie thun, 
was sie wollen : in ihrem Thun wird der Pfeffer und 
der Widerspruch oder die Weltmüdigkeit regieren! 
(Die reiche Klasse in England hat ihr Christenthum 
nöthig, um ihre Verdauungsbeschwerden und ihre 
Kopfschmerzen ertragen zu können.) Zuletzt, um 
das Lustige an der Sache und nicht nur deren Ekel- 
haftes zu sagen, sind diese Menschen keineswegs 
Schlemmer; unser Jahrhundert und seine Art Ge- 



109 



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schäftigkeit ist mächtiger über ihre Glieder, als ihr 
Bauch: was wollen also diese Mahlzeiten? — Sie 
repräsentiren! Was, in aller Heiligen Namen? 
Den Stand? — Nein, das Geld: man hat keinen 
Stand mehr! Man ist „Individuum!" Aber Geld ist 
Macht, Ruhm, Würde, Vorrang, Einfluss; Geld macht 
jetzt das grosse oder kleine moralische Vorurtheil 
für einen Menschen, je nachdem er davon hat. Nie- 
mand will es unter den Scheffel, niemand möchte es 
auf den Tisch stellen: folglich muss das Geld einen 
Repräsentanten haben, den man auf den Tisch stellen 
kann: siehe unsere Mahlzeiten! — 

Morgenröthe. F. NictZSChe. 

Sodann giebt es solche, die vor keinem Ding 
Scheu haben, wohl aber vor den Worten zu den 
Dingen, und vor diesen eine unmässige. 

Reden an die deutsche Nation. J, Q, FichtC. 

Denn die „Gesellschaft" ist zwar allzeit geneigt, 
die Kühnheit des Lasters, nie aber die Kühnheit des 
Denkens zu verzeihen. Und das ist ganz in der 
Ordnung, weil es auch der ordinäre Mensch dazu 
bringen kann, in dem Sumpf der Ausschweifung mit 
etwelchem Anstand herumzupatschen , nicht jedoch 
dazu, auf Schwingen des Gedankens in den Aether 
der Freiheit sich zu erheben. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joh. ScheiT. 

Die Unwissenden heissen den einen Ketzer, den 
sie nicht widerlegen können. Campanella. 



y 



Man sieht einem Menschen viele Schwächen der 
Moralität nach und handhabt dabei ein grobes Sieb, 
vorausgesetzt, dass er sich immer zur strengsten 
Theorie der Moral bekennt. Dagegen hat man 
das Leben der freigeistischen Moralisten immer unter 
das Mikroskop gestellt: mit dem Hintergedanken, 
dass ein Fehltritt des Lebens das sicherste Argument 
gegen eine unwillkommene Erkenntniss sei. 

Morgenröthe. F. NletZSChC. 

Du zwingst Viele, über dich umzulernen; das 
rechnen sie dir hart an. Du kamst ihnen nahe und 
gingst doch vorüber: das verzeihen sie dir niemals. 

Du gehst über sie hinaus: aber je höher du 
stehst, um so kleiner sieht dich das Auge der Neides. 
Am meisten aber wird der Fliegende gehasst. 

Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach 
dem Einsamen: aber, mein Bruder, wenn du ein 
Stern sein willst, so musst du ihnen deshalb nicht 
weniger leuchten. 

Also sprach Zarathustra. P. NletZSChc. 

Denn Edles und Schönes hat der gemeine Sinn 
der Menschen alle Zeiten nicht lange ertragen; aber 
mit Dummheit, Hässlichem und Schlechtem schleppen 
sie sich geduldig Jahrhunderte und Jahrtausende 
lang. Darum heisst gross denken, begeistert fühlen, 
die Wahrheit suchen imd sagen, die Gerechtigkeit 
lieben und das Unrecht hassen unglücklich sein. 
Wehe dem, der kein Brett vor der Stime hat, wie 
es, so oder anders angestrichen, die imgeheure 



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III 



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Äl ehrzahl der „Ebenbilder Gottes" trägt. Wehe dem, 
der um eines Hauptes Länge über das Maass der 
„aurea mediocristas", der gemeinen Mittelmässigkeit, 
emporragt und nicht bei Zeiten die Heuchelkunst 
gelernt hat mittelst Biegsam- und Beugsamkeit des 
Rückgrats in den ordinären Schwärm sich nieder- 
zudrücken. „Seid gewöhnlich oder thut wenigstens 
so!" lautet der erste und — einzige Grundsatz, 
welchen Väter, welchen das „gute Fortkommen" 
ihrer Söhne und Töchter am Herzen liegt, denselben 
einprägen sollen. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joll. SctierT» 



Sei doch einmal das öffentliche Geheimniss aus- 
gesprochen; sei das Mondkalb ans Tageslicht ge- 
zogen; so seltsam auch es sich in demselben aus- 
nimmt: alle Zeit und überall, in allen Lagen und 
Verhältnissen, hasst Beschränktheit und Dummheit 
nichts auf der Welt so inniglich und ingrimmiglich, 
wie den Verstand, den Geist, das Talent. Dass sie 
sich hierin stets treu bleibt, zeigt sie in allen Sphären, 
Angelegenheiten und Beziehungen des Lebens, in- 
dem sie überall jene zu unterdrücken, ja auszurotten 
und zu vertilgen bemüht ist, um nur allein da zu 
sein. Keine Güte, keine Milde kann sie mit der 
Ueberlegenheit der Geisteskraft aussöhnen. So ist 
es, steht nicht zu ändern, wird auf immer so bleiben. 
Und welche furchtbare Majorität hat sie dabei auf 
ihrer Seite! 

Parerga und Paralipomena, Band i. A. SchopCnhaUer. 



112 



Es giebt keinen grossem Trost für die Mittel- 
mässigkeit, als dass das Genie nicht unsterblich sei. 

Die Wahlverwandtschaften. T^ \^ , GoCthe 



Menschenfeind. Unter diesem Namen ver- 
stehen einige Sittenlehrer gemeiniglich diejenigen 
verdriesslichen und mürrischen Leute, welche mit 
ihrem Schöpfer hadern, dass er sie zu Menschen 
gemacht hat, und welche niemals missvergnügter 
sind, als wenn sie sich in Gesellschaft anderer Men- 
schen befinden. Ich will nicht untersuchen, wie 
weit diese Sittenrichter recht haben. Ich glaube 
aber, dass noch eine andere Bedeutung des Wortes 
Menschenfeind statt haben kann. 

Ich setze, und zwar vermöge der Erfahnmg 
voraus, dass gemeiniglich der Mensch nichts anderes 
ist, als ein Thier, welches nur sich für vollkommen, 
alle andere menschliche Thiere aber, die um dasselbe 
herum sind, für fehlerhaft und lächerlich hält ; welches 
diejenigen Pflichten gegen andere niemals ausübt, 
die es doch von anderen verlangt; welches glaubt, 
dass alles, was erschaffen ist, nur seinetwegen er- 
schaffen ist; welches sich Mühe giebt, dasjenige zu 
scheinen, was es nicht ist; welches sehr mühselig 
lebt, um elend zu sterben; welches thöricht ist, weil 
es das Vermögen hat, vernünftig zu sein; und wel- 
ches nicht leiden kann, dass man ihm alle diese 
Wahrheiten vorsagt. Wer so verwegen ist, dieses 
zu thun, der ist sein Feind. 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



8 



Menschenfeinde sind aber Leute, welche die 
Wahrheit sagen — ein hässliches Laster, wo- 
durch man die glückselige Einbildung anderer Leute 
stört und zugleich sein eigenes Glück hindert. 

Satirische Abhandlungen. Qj ^^, RabCIlCr. 

Die Strahlen der Sonne, die alles vergolden, 
erfreuen ein starkes Auge, ein schwaches schmer- 



zen sie. 

Demokritos I. 



K. J. Weber. 



Was ist das Herkommen? eine höhere Autorität, 
welcher man gehorcht, nicht weil sie das uns Nütz- 
liche befiehlt, sondern weil sie befiehlt. 

Morgenröthe. F, NictZSChC. 



Mit der unbefangensten Miene das Bedeutendste 
als ganz unbedeutend, das tief Durchdachte und für 
die Jahrhunderte Vorhandene als nicht der Rede 
werth aufnehmen, um so es zu ersticken; hämisch 
die Lippen zusammenbeissen und dazu schweigen 
imd unterweilen nur desto lauter über die abortiven 
Geisteskinder und Missgeburten der Genossenschaft 
krähen, in dem beruhigenden Bewusstsein, dass ja 
Das, wovon keiner weiss, so gut wie nicht vorhan- 
den ist, und dass die Sachen in der Welt für Das 
gelten, was sie scheinen und heissen, nicht für Das, 
was sie sind; — Dies ist die sicherste und gefahr- 
loseste Methode gegen Verdienste, welche ich dem- 
nach allen Flachköpfen, die ihren Unterhalt durch 



114 



Dinge suchen, zu denen höhere Begabtheit gehört, 
bestens empfohlen haben wollte, ohne jedoch mich 
für die späteren Folgen zu verbürgen. 



Parerga und Paralipomena, Band 1, 



A. Schopenhauer. 



Dumm sein und schlecht sein ist erlaubt : ineptire 
est juris gentium. Hingegen von Dummheit und 
Schlechtigkeit reden ist ein Verbrechen, ein em- 
pörender Bruch der guten Sitten und alles An- 
standes. — Eine weise Vorkehrung! 

Parerga und Paralipomena, Band 2. A. SchOpenhaUeF. 

Zu den grössten Wirkungen der Menschen, wel- 
che man Genies und Heilige nennt, gehört es, dass 
sie sich Interpreten erzwingen, welche sie zum Heile 
der Menschheit missverstehen. 

Menschliches Allzumenschliches. p. NietZSCllC 



Das wirkliche Leben verliert oft dergestalt seinen 
Glanz, dass man es manchmal mit dem Fimiss der 
Fiktion wieder auffrischen muss. 

Dichtung und Wahrheit. J^ \^, GoCthC 



Ohne die blinden Schüler ist noch nie der Ein- 
fluss eines Mannes und seines Werkes gross ge- 
worden. Einer Erkenntniss zum Siege verhelfen 
heisst oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistem, 
dass das Schwergewicht der letztem auch den Sieg 
für die erstere erzwingt. 

Menschliches Allzumenschliches. p^, NietZSChe 



"5 



8* 



Schreibt nur einen möglichst dicken Unsinn auf 
eine Fahne und dieselbe wird bald über Tausenden 
von Streitenden flattern. 

Hammerschläge und Historien. Joh SchefT. 

Die da glauben , ohne zu sehen , sind auf jeden 
Fall glücklicher als die Scharfäugigen, die jede her- 
vorblühende Runzel auf dem Antlitz ihrer Madonna 
gleich bemerken. Nichts ist schrecklicher als solche 
Bemerkungen ! 

H. Heine. 



Reisebilder. 



Die Idee, dass es ein besonderes Lebensgebiet 
gebe für das Handeln nach Interessen und wieder 
ein anderes für die Uebung der Tugend, gehört 
noch heute zu den Lieblings -Ideen des oberfläch- 
lichen Liberalismus, und in weitverbreiteten populären 
Schriften wird sie ganz unverhohlen gepredigt. Ja, 
man hat sogar eine Art von Pflichtlehre daraus ge- 
macht, die man im täglichen Leben viel häufiger 
aussprechen hört, als in der Literatur. Wer es 
unterlässt, eine ihm zustehende Schuldforderung 
nöthigenfalls mit aller Strenge des Gesetzes ein- 
zutreiben, der muss entweder ein reicher Mann sein, 
der sich dergleichen erlauben kann, oder er unter- 
liegt dem schärfsten Tadel. Dieser Tadel richtet 
sich nicht gegen seinen Verstand, gegen seine Cha- 
rakterschwäche oder überflüssige Gutmüthigkeit, 
sondern geradezu gegen seine Sittlichkeit. Er ist 
ein leichtsinniger, nachlässiger Mensch, der seine 



ii6 



/ 



Interessen nicht pflichtmässig wahrnimmt, und wenn 
er Frau und Kinder hat, so ist er, ohne dass diese 
schon Mangel empfinden müssten, ein gewissenloser 
Hausvater. Ebenso urtheilt man aber auch über 
denjenigen, welcher seine Kraft zum Nachtheil des 
Privatvermögens, dem öffentlichen Besten widmet. 
Wer dies mit besonderem Erfolg thut, erhält aller- 
dings Absolution und allgemeinen Beifall, einerlei 
ob er seinen Erfolg dem Zufall oder seiner Kraft 
verdankt; so lange aber dies Gottesurtheil des Pöbels 
und der Fatalisten nicht gesprochen hat, behauptet 
das gemeine Urtheil sein Recht. Es verdammt den 
Dichter und Künstler so gut wie den wissenschaft- 
lichen Forscher und den Politiker, und selbst der 
religiöse Fanatiker findet nur dann Anerkennung, 
wenn er eine Gemeinde zu bilden, ein grösseres 
Institut zu schaffen weiss, dessen Direktor er wird, 
oder wenn er sich zu kirchlichen Würden empor- 
schwingt: niemals aber, wenn er ohne auf Ersatz 
zu hoffen, eine äussere Stellung seiner Ueberzeugung 
opfert. — 

Geschichte des Materialismus. F. A. Lange. 

Wenn Einer unter zehn Tausenden allein steht, 
so merken die neun tausend neun hundert und neun 
und neunzig nichts weniger, als dass er nicht mit 
ihnen Heu frisst. 

Lienhardt und Gertrud. Heinrich PeStalOZZi. 



Man kann nur etwas aussprechen, was dem 
Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, 



117 



um eines grossen Anhanges in der mittelmässigen 
Menge gewiss zu sein. 

J. P. Eckennann: Gespräche mit Goethe II. W^. GoCtllC 



Die Offenherzigkeit, diese edle Eigenschaft, die 
man nicht mehr findet, nicht einmal in unsem Ro- 
manen, und die unsem Sitten so fremd geworden 
ist, ist jetzt nur noch das Steckenpferd einer kleinen 
Anzahl ^lenschen, die man Narren oder Thoren 
nennt. Und doch ist sie fast immer das Zeichen 
ächten Hochsinnes und meistens mit unerschütter- 
lichem Muth gepaart; aber Alles trägt dazu bei sie 
auszurotten. Diese aus der Mode gekommene Tu- 
gend ist jetzt sogar gefährlich. Im täglichen Ver- 
kehr aufrichtig sein, heisst mit ungleichen Waffen 
kämpfen und die blosse Brust dem Dolche eines 

Bepanzerten preisgeben. 

F. E. Pipitz: Mirabeau. G. H. Comts dc Mlfabcau. 



Wirklich glücklich — das Wort im gemeinen 
Sinn genommen — sind nur die ganz dummen Leute. 
Denn zufrieden mit sich selbst, sind sie es auch mit 
der Welt, welche ja vortrefflich sein muss, weil die- 
selbe so liebe Geschöpfe, wie sie hervorbringt und 
nährt. Sie dämmern so ihr Zwielichtsdasein dahin, 
welches weder den heissen Sonnenschein der Leiden- 
schaft noch das sternlose Nachtgrauen des Zweifels 
und der Enttäuschung kennt. 

Der Nihilismus. Joh. ScIleiT. 



">i 



Nur der Wissende kann den Irrenden wegen 
seiner Beschränktheit glücklich preisen, denn nur 
für ihn giebt es einen Schmerz der Erkenntniss, 
während das Wesen des Irrthums eben vor allem 
darin besteht, dass er seinen eigenen Irrthum weder 
begreift noch ahnt. 

Kraft und Stoff. L. BÜChnCr. 

Alle erreichbaren Zitronen auszupressen und die 
ausgepressten dann mit vollendeter Grazie oder auch 
mit vollendeter Rohheit wegzuwerfen, das ist ein 
Hauptgebot in dem Moralkodex dieser Welt, wo 
Dankbarkeit ein Traum, Redlichkeit eine Ideologie, 
Charakterfestigkeit eine Thorheit, das glückliche 
Verbrechen ein Verdienst und der Erfolg eine Tu- 
gend ist, die einzig allgemein anerkannte und ver- 
ehrte Tugend. 

Menschliche Tragikomödie, Band 2. Joh. SchcrT. 



Für die Menschen giebt es nichts Ueberzeu- 
genderes als die Erfolge, willig beugen sie sich dem 
Glücke und dem Ruhm. 



Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs 
im 19. Jahrhundert. 



L. v. Ranke. 



Und immer haben die Menschen gemeint, das 
werthvoUer Scheinende sei das Wahrere, Wirklichere. 

Menschliches Allzumenschliches. JT^ NietZSChB 

Edel und gemein. — Gemeinen Naturen 
erscheinen alle edlen, grossmüthigen Gefühle als 



118 



119 



^ 



unzweckmässig und deshalb zu allererst als unglaub- 
würdig: sie zwinkern mit den Augen, wenn sie von 
dergleichen hören, und scheinen sagen zu wollen 
„es wird wohl irgend ein guter Vortheil dabei sein, 
man kann nicht durch alle Wände sehen": — sie 
sind argwöhnisch gegen den Edlen, als ob er den 
Vortheil auf Schleichwegen suche. Werden sie von 
der Abwesenheit selbstischer Absichten und Ge- 
winnste allzu deutlich überzeugt, so gilt ihnen der 
Edle als eine Art von Narren: sie verachten ihn in 
seiner Freude und lachen über den Glanz seiner 
Augen. „Wie kann man sich darüber freuen im 
Nachtheil zu sein, wie kann man mit offenen Augen 
in Nachtheil gerathen wollen ! Es muss eine Krank- 
heit der Vernunft mit der edlen Affection verbunden 
sein" — so denken sie und blicken geringschätzig 
dabei: wie sie die Freude gering schätzen, welche 
der Irrsinnige von seiner fixen Idee her hat. Die 
gemeine Natur ist dadurch ausgezeichnet, dass sie 
ihren Vortheil unverrückt im Auge behält und dass 
dieses Denken an Zweck und Vortheil selbst stärker 
als die stärksten Triebe in ihr ist: sich durch jene 
Triebe nicht zu unzweckmässigen Handlungen ver- 
leiten lassen — das ist ihre Weisheit und ihr Selbst- 
gefühl. Im Vergleich mit ihr ist die höhere Natur 
die unvernünftigere: — denn der Edle, Gross- 
müthige. Aufopfernde unterliegt in der That seinen 
Trieben, und in seinen besten Augenblicken pausirt 
seine Vernunft. 

La gaya scicnza. p^ NietZSChC. 



Die Menschen vergessen nur zu leicht die Namen 
ihrer Wohlthäter; die Namen des Guten und Edelen, 
der für das Heil seiner Mitbürger gesorgt, finden 
wir selten im Munde der Völker, und ihr dickes 
Gedächtniss bewahrt nur die Namen ihrer Dränger 
und grausamen Kriegshelden. Der Baum der Mensch- 
heit vergisst des stillen Gärtners, der ihn gepflegt 
in der Kälte, getränkt in der Dürre und vor schäd- 
lichen Thieren geschützt hat; aber er bewahrt treu- 
lich die Namen, die man ihm in seine Rinde un- 
barmherzig eingeschnitten mit scharfem Stahl, und 
er überliefert sie in immer wachsender Grösse den 
spätesten Geschlechtem. 

Geständnisse. H. HeinC. 

Der richtige Moralphilister wird immer sich 
selbst mit einigen Freunden für denjenigen Theil 
der Menschheit halten, dem die eröffnete Einsicht 
in den Kausalnexus der sittlichen Ordnung nicht 
schaden, sondern als Antrieb des Handelns genügen 
kann, aber er wird in grosser Besorgniss wegen des 
übrigen Restchens der Menschheit sein, wenn auch 
dieses auf diesen Stand allein sich stützen wollte. 
Er wird eine andere Weltanschauung für sich und 
eine andere für die „Weiber und die Menge" 
wünschen. 

Kulturgeschichte der Menschheit, Band 2. J, Llppert. 



Gleich den Hunden auf der Strasse, die hinter 
den Wagenrädern herlaufen und sie anbellen, rennt 



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120 



121 



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man schreiend und die Zähne fletschend hinter den 
Freigesinnten her, die doch nur die Räder sind der 
rollenden Zeit. Den lenkenden Geist aber, der sicher 
und bequem in der Kutsche sitzt, erreichen sie, ja 
sie gewahren ihn nicht. 

Fragmente und Aphorismen. L^ BömC 

Was ist überhaupt die Moral? Ein relativer 
Begriff, ein blankes Ding, welches eben nur des- 
halb stets so blank aussieht, weil es in der Welt 
von jeher sehr wenig gebraucht wurde. 

Menschliche Tragikomödie, Band 3. Joh. SchcrF. 





T22 



123 



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Das worauf die ganze Grösse des Menschen 
zuletzt beruht, wonach der einzelne Mensch ewig 
ringen muss, ist Eigenthümlichkeit der Kraft und 
der Bildung. 

Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der -^ttt- Hnmholdt 

Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. 



Wo ein bedeutungsvoller Gedanke entdeckt und 
zur praktischen Existenz und Herrschaft gebracht 
werden soll, bedarf es der Einseitigkeit und Schroff- 
heit, der spätem Zeit bleibt es vorbehalten und fällt 
es nicht schwer, die Uebertreibung auf das rechte 
Maass zurückzuführen. 

Geist des römischen Rechts, Band 2. R. V. Iliering. 

Das, was man weiss, hat doppelten Werth, wenn 
man zugleich das, was man nicht weiss, nicht zu 
wissen eingesteht 

Ueber Philosophie und ihre Methode. A. SchOpCnhaUer. 



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125 




Das worauf die ganze Grösse des Menschen 
zuletzt beruht, wonach der einzelne Alensch ewig 
ringen muss, ist Eigenthümlichkeit der Kraft und 
der Bildung. 



Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der 
Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. 



W. V. Humboldt. 



Wo ein bedeutungsvoller Gedanke entdeckt und 
zur praktischen Existenz und Herrschaft gebracht 
werden soll, bedarf es der Einseitigkeit und Schroff- 
heit, der spätem Zeit bleibt es vorbehalten und fällt 
es nicht schwer, die Uebertreibung auf das rechte 
Maass zurückzuführen. 

Geist des römischen Rechts, Band 2, R. V. Ihcring. 

Das, was man weiss, hat doppelten Werth, wenn 
man zugleich das, was man nicht weiss, nicht zu 
wissen eingesteht. 

Ueber Philosophie und ihre Methode. A. SchOpenhaUer. 



I 2 



Die Allermeisten finden es nicht verächtlich, dies 
oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne 
sich vorher der letzten und sichersten Gründe für 
und wider bewusst worden zu sein und ohne sich 
auch nur die Mühe um solche Gründe hinterdrein 
zu geben, — die begabtesten Männer und die edel- 
sten Frauen gehören noch zu diesen „Allermeisten". 
Was ist mir aber Gutherzigkeit, Feinheit und Genie, 
wenn der Mensch dieser Tugenden schlaffe Gefühle 
im Glauben und Urtheilen bei sich duldet, wenn das 
Verlangen nach Gewissheit ihm nicht als die 
innerste Begierde und tiefste Noth gilt, — als Das, 
was die höheren Menschen von den niederen scheidet! 
Ich fand bei gewissen Frommen einen Hass gegen 
die Vernunft vor und war ihnen gut dafür: so ver- 
rieth sich doch wenigstens noch das böse intellec- 
tuelle Gewissen ! Aber inmitten dieser rerum concordia 
discors und der ganzen wundervollen Ungewissheit 
und Vieldeutigkeit des Daseins stehen und nicht 
fragen, nicht zittern vor Begierde und Lust des 
Fragens, nicht einmal den Fragenden hassen, viel- 
leicht gar noch an ihm sich matt ergötzen — das 
ist es, was ich als verächtlich empfinde, und 
diese Empfindung ist es, nach der ich zuerst bei 
jedermann suche. 

F. Nietzsche. 



La gaya scienza. 



Dummköpfen und Narren gegenüber giebt es 
nur einen Weg, seinen Verstand an den Tag zu 
legen, und der ist, dass man mit ihnen nicht redet 



I2Ö 



Aber freilich wird aldann in der Gesellschaft Man- 
chem bisweilen zu Muthe werden wie einem Tänzer, 
der auf einen Ball gekommen wäre, wo er lauter 
Lahme anträfe: mit wem will er tanzen? 

Parerga und Paralipomena I. /^^ SchOpenhaUer. 



Ich bin kein Veilchentändler und lobe nichts 
weniger, als dass der Mensch vor Blumen schmelze 
und ob Mücken weine. Sie sind vorbei, die Tage 
meiner Thränen, und ich habe erfahren, dass der 
Mensch, der ob Blumen schmilzt, sein Brot nicht 
gern im Schweiss des Angesichts isst, und dass ein 
Weib nicht gern Kinder gebiert, das sich abschwächt 
und Gottes Ordnung widerspricht. Darum mag ich 
dieses Geschlechtes nichts. Es gehört nicht in unsere 
Welt, die Dorn und Distel trägt, sondern in eine, 
wo artige Engel mit Himmelszauber für sie den 
Boden bauen, und zu den Steinen sagen : werdet ihr 
Brot — damit die Müssiggänger essen. Aber auf 
unserm Boden taugt es nicht. 

Wahre Empfindsamkeit ist auf Seelenstärke 
gegründet 

Lienhardt und Gertrud. Heinrich PeStalOZZl. 



Der Mensch trägt die Wahrheit und die Weis- 
heit in einem irdenen Gefäss, und wenn er besonders 
in den Tagen seiner blühenden Stärke zu Boden 
gedrückt wird und das Gold seines Lebens vor 
seinen Augen ins Koth ausgeschüttet sieht, so achtet 
er dann den übrig gebliebenen Lehm seines Daseins 



127 



n 



nicht mehr. Er wird stolz gegen die Glücklichen 
und gleichgültig gegen das, was diese von ihm 
fordern, wie gegen sich selber, und drückt sich über 
das, was ihm wahr und gut dünkt, änderst und roher 
aus, als Menschen, die die Tage ihres Lebens ruhig 
haben nachdenken können, wie sich Alles am besten 
sagen lasse. — 

Es machts nichts, wenn solche Menschen roher 
und härter reden, als es der Brauch ist. Die Wahr- 
heit wirkt selten, als wenn sie schreit d. i. so roh 
und hart und ungeduldig, aber auch so bestimmt 
und heiter ausgesprochen wird, als nur Noth und 
Elend den Menschen aussprechen lehren. 

Lienhardt und Gertrud. Hcinrich PcStalOZZi. 

Ehe man tadelt, sollte man immer erst versuchen, 
ob man nicht entschuldigen kann. 
Vermischte Schriften I. G. Chr. Lichtenberg. 

So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm 
nicht Böses mit Gutem : denn das würde beschämen. 
Sondern beweiset, dass er euch etwas gutes an- 
gethan hat. 

Und lieber zürnt noch, als dass ihr beschämt! 
Und wenn euch geflucht wird, so gefällt es mir 
nicht, dass ihr dann segnen wollt. Lieber ein wenig 
mitfluchen ! 

Vornehmer ists, sich Unrecht zu geben, als 
Recht zu behalten, sonderlich wenn man Recht hat. 
Nur muss man reich genug dazu sein. 

Also sprach ZaratLustra. p^ NictZSChC. 



J 



Deine Tugend sei zu hoch für die Vertraulich- 
keit der Namen: und musst du von ihr reden, so 
schäme dich nicht, von ihr zu stammeln. 

Also sprach Zarathustra. p^ NictZSChe. 



Euer Tödten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein 
und keine Rache. Und indem ihr tödtet, seht zu, 
dass ihr selber das Leben rechtfertigt! 

„Feind" sollt ihr sagen, aber nicht „Bösewicht"; 
„Kranker" sollt ihr sagen, aber nicht „Schuft"; 
„Thor" sollt ihr sagen, aber nicht „Sünder". 

Also sprach Zarathustra. p^ NlctZSChe, 

Es ist eine Frage, ob wir nicht, wenn wir einen 
Mörder rädern, gerade in den Fehler des Kindes 
verfallen, das den Stuhl schlägt, an dem es sich stösst 
Vermischte Schriften I. q ^hr, Lichtenberg. 



Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit 
durch ein Gedränge zu tragen, ohne Jemandem den 
Bart zu sengen. 

G. Chr. Lichtenberg. 



Vermischte Schriften II. 



Verachte das Leben, um es zu gemessen. 

Quintus Fixlein. j^^^^ p^^^ 

Gedanken über die Krankheit! — Die 
Phantasie des Kranken beruhigen, dass er wenigstens 
nicht, wie bisher, mehr von seinen Gedanken über 






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128 



Brodtbeck, Geistesbliue grosser Mäuner. 



1-; 






seine Krankheit zu leiden hat, als von der Krank- 
heit selber, — ich denke, das ist Etwas! Und es ist 
nicht wenig! Versteht ihr nun unsere Aufgabe? 

Morgenröthe. p^ NietZSChC. 

Die Leidenschaften werden böse und tückisch, 
wenn sie böse und tückisch betrachtet werden. 

Morgenröthe. p^ NletZSChe. 

Die Mängel aufdecken ist nicht genug, ja man 
hat Unrecht solches zu thun, wenn man nicht zu- 
gleich das Mittel zu dem bessern Zustande anzu- 
geben weiss. 

Dichtung und Wahrheit. J, W. Gocthe. 



Ich lobe mir eine jede Skepsis, auf welche mir 
erlaubt ist zu antworten: „Versuchen wdrs!" Aber 
ich mag von allen Dingen und allen Fragen, welche 
das Experiment nicht zulassen. Nichts mehr hören. 
Dies ist die Grenze meines „Wahrheitssinnes". Denn 
dort hat die Tapferkeit ihr Recht verloren. 



La gaya scienza. 



F. Nietzsche. 



Nur als Schaffende können wir vernichten! 

La gaya scienza. p^ NietZSChC. 



Kleine abweichende Handlungen thun 
noth! In den Angelegenheiten der Sitte auch 
einmal wider seine bessere Einsicht handeln; hier in 
der Praxis nachgeben und sich die geistige Freiheit 



130 






vorbehalten; es so machen wie Alle und damit Allen 
eine Artigkeit, eine Wohlthat erweisen, zur Ent- 
schädigung gleichsam für das Abweichende unserer 
Meinungen: — das gilt bei vielen leidlich freige- 
sinnten Menschen nicht nur als unbedenklich, son- 
dern als „honett", „human", „tolerant", „nicht pedan- 
tisch", und wie die schönen Worte lauten mögen, 
mit denen das intellectuelle Gewissen in Schlaf 
gesungen wird: und so bringt Dieser sein Kind zur 
christlichen Taufe herzu und ist dabei Atheist, und 
Jener thut Kriegsdienste wie alle Welt, so sehr er 
auch den Völkerhass verdammt, und ein Dritter 
läuft mit einem Weibchen in die Kirche, weil es 
eine fromme Verwandtschaft hat, und macht Gelübde 
vor einem Priester, ohne sich zu schämen. „Es ist 
nicht wesentlich, wenn Unsereiner auch thut, 
was Alle immerdar thun und gethan haben" — so 
klingt das grobe Vorurtheil! Der grobe Irrthum! 
Denn es giebt nichts Wesentlicheres, als wenn 
das bereits Mächtige, Altherkömmliche und ver- 
nunftlos Anerkannte durch die Handlung eines an- 
erkannt Vernünftigen einmal bestätigt wird: damit 
erhält es in den Augen Aller, die davon hören, die 
Sanktion der Vernunft selber! Alle Achtung vor 
eueren Meinungen! Aber kleine abweichende 
Handlungen sind mehr werth! 

Morgenröthe. F. NietZSChC. 

Wenn der Mensch sich nicht mehr für böse 
hält, hört er auf, es zu sein! 

Morgenröthe. F. NietZSChC. 



•i 



131 



9* 



r 



Der christliche Entschluss, die Welt hässlich 

und schlecht zu finden, hat die Welt hässlich und 

schlecht gemacht. 

F. Nietzsche. 



La gaya scienza. 



Einer mächtigen Geistesströmung kommt der 
Widerstand, den sie findet, nur zu Gute; die Leiden- 
schaft entflammt sich und die Kräfte wachsen. 

Weltgeschichte, Band 3. OslCär Tä^er 

Jene stoische Unempfindlichkeit , wovon die 
Sittenprediger fabeln, ist dem Schaffenden, der nur 
für andere schafft, unmöglich. 

Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert III. H. V. TfeitSChkc. 



Der Ruhm des Wissens ist der Ruhm des 
Spiegels, der die Dinge getreu reflektirt, aber der 
Ruhm des Willens ist der der That — der Kraft, 
welche die Dinge selber gestaltet, die Weltschöpfung 
fortsetzt. Nur so weit das Wissen in und durch den 
Willen zur That drängt, erhebt es sich gleich ihm 
zu einer ethischen Thatsache. 

Geist des römischen Rechts, Band 2, i. K. V, Jnenng. 



Individualfreiheit erhält ihre praktische Erfüllung 
erst dadurch, dass jedes Individuum — mit aller 
Freiheit der Wahl allerdings und ledig der Fesseln 
des Kastenrechts — an dem bestimmten ständischen 
Platz der Gesellschaft, den ihm seine Verhältnisse 
anweisen, seine Stelle einnehmen und je auf diesem 
Boden eine individuelle Entwicklung suchen kann. 

Gesammelte Aufsätze, Band i. E A SchäfTle 



J 



\^ 



Freiheit heisst, an dem Theilhaben und Mitleben 
in jeder der sittlichen Sphären nicht gehindert, durch 
die eine nicht in der andern gestört, verkürzt, von 
keiner ausgeschlossen zu werden. 

Grundriss der Historik. J. G. DrOySCn. 



Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. 

Werthers Leiden. ^^ ^ GoethC. 



Gegen die Verläumder derNatur. — Das 
sind mir unangenehme Menschen, bei denen jeder 
natürliche Hang sofort zur Krankheit wird, zu etwas 
Entstellendem oder gar Schwächlichem, — diese 
haben uns zu der Meinung verführt, die Hänge und 
Triebe des Menschen seien böse; sie sind die Ur- 
sache unserer grossen Ungerechtigkeit gegen unsere 
Natur, gegen alle Natur! Es giebt genug Menschen, 
die sich ihren Trieben mit Anmuth und Sorglosig- 
keit überlassen dürfen: aber sie thun es nicht, aus 
Angst vor jenem eingebildeten „bösen Wesen" der 
Natur! Daher ist es gekommen, dass so wenig 
Vornehmheit unter den Menschen zu finden ist: 
deren Kennzeichen es mir immer sein wird, vor sich 
keine Furcht zu haben, von sich nichts Schmähliches 
zu erwarten, ohne Bedenken zu fliegen, wohin es 
uns treibt — uns fi-ei geborene Vögel! Wohin wir 
nur kommen, wird es ft-ei und Sonnenlicht um 



uns sem. 

La gaya scienza. 



F. Nietzsche. 



«32 



133 



Man muss den schlechten Geschmack abthun, 
mit Vielen übereinstimmen zu wollen. 

Jenseits von Gut und Böse. F. NietZSChC. 



Nur niemals etwas gegen die Grundsätze thun! 
Und nur keinen Kompromiss machen mit der Stu- 
pidität und der Heuchelei. Auch die ärmsten Men- 
schen sind werth, dass man sich ihnen wahr giebt, 
und die Wahrheit wird immer Recht behalten. 

Italiänische Reise. j^ y WldmanD. 

Nimm Rath von Allen, aber spar' dein Ur- 
theil . . . Dies über alles : sei dir selber treu. — 

"*'"^"*- W. Shakespeare. 

Wenn der Mensch keinen Genuss mehr in der 
Arbeit findet und bloss arbeitet, um so schnell wie 
möglich zum Genuss zu gelangen, so ist es nur ein 
Zufall, wenn er kein Verbrecher wird. 

Römische Geschichte, Band i. Th, MommSen. 



Natürlich, dem Bevorrechteten und Reichen ist 
es schon Unsinn, wenn dem Armen auch nur eine 
Hoifnung auf die Güter der Erde eröffnet wird. 
Es ist eine weit bequemere Sache, ein orthodoxer 
Christ zu sein, als auch nur den hundertsten Theil 
überflüssigen Reichthums mit den Dürftigen zu 
theilen. 

Geschichte der religiösen u. philosophischen Ideen, Band 3. Joh. Schcrr. 



134 



Nicht zu vergessen! — Je höher wir uns 
erheben, um so kleiner erscheinen wir Denen, welche 
nicht fliegen können. 

Morgenröthe. F. NietZSChC. 

Den Einen treibt es von Ort zu Ort, und den 
Andern, — Sesshaften und Zärtlichen, bricht das 
Herz darüber: so ist es immer! Der Kummer bricht 
Denen das Herz, welche es erleben, dass gerade ihr 
Geliebtester ihre Meinung, ihren Glauben verlässt, — 
es gehört dies in die Tragödie, welche die freien 
Geister machen, — um die sie mitunter auch 



wissen. 

Morgenröthe. 



F. Nietzsche. 



Im Felde. — „Wir müssen die Dinge lustiger 
nehmen, als sie es verdienen; zumal wir sie lange 
Zeit ernster genommen haben, als sie es verdienen." 
— So sprechen brave Soldaten der Erkenntniss. 

Morgenröthe. p, NietZSChC. 

Auch sich selber verurtheilen kann ein Mittel 
sein, nach einer Niederlage sich zum Gefühl der 
Stärke zu verhelfen. 

Morgenröthe. F. NietZSChC. 

Die vernünftigen Freigeister sind leichte fliegende 
Corps, immer voraus und die die Gegenden recog- 
nosciren, wohin das gravitätisch geschlossene Corps 
der Orthodoxie am Ende doch auch kommt. 

Vermischte Schriften I. G. Chf. Lichtenberg. 



135 






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'4 



Es giebt kein Menschenleben, das bloss für sich 
da wäre, jedes ist zugleich der Welt wegen da, jeder 
Mensch arbeitet nach seiner, wenn auch noch so 
eng begrenzten Stelle mit an dem Kulturzweck der 
Menschheit. 

Zweck Im Recht, Band i. R. V. JheHng. 



Wenn man als Ganzes missverstanden wird, so 
ist es unmöglich, ein einzelnes Missverstehen von 
Grund aus zu heben. Das muss man einsehen, um 
nicht überflüssige Kraft in seiner Vertheidigung zu 
verschwenden. 

Menschliches Allzumenschliches. F. NietZSChC. 



Wer gute Gründe seines Gegners nicht gelten 
lässt, beweist einen entweder direkt schwachen, oder 
durch die Herrschaft des eigenen Willens unter- 
drückten, also indirekt schwachen Verstand: daher 
soll man nur wo etwan Amt und Pflicht erheischen, 
mit einem Solchen sich herumhetzen. 

Zur Logik und Dialektik. A. SchOpenhaUef. 



Um eines äussern, wenn auch erst zu erwarten- 
den Vortheils willen das Gute zu thun — kann kein 
Verdienst, sondern nur schlaue Berechnung sein. 

^^"'^ ""'^ ^*°^- * L. Büchner. 

Alles, was wahrhaft lebt, lebt nur ftir andere. 

Joh. Sehen- : Hammerschläge und Historien. LeOOOld Schefer 



1^,6 



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Seelen, welchen einige Grösse innewohnt, wissen 
sich selbst zu vergessen; sie fühlen, dass sie der 
ganzen Menschheit angehören und ihr Blick ist auf 
die Zukunft gerichtet. 

Hammerschläge und Historien. Joh. ScheiT« 



Zeichen der Vornehmheit: nicht daran denken, 
unsere Pflichten zu Pflichten für Jedermann herab- 
zusetzen; die eigene Verantwortlichkeit nicht ab- 
geben wollen, nicht theilen wollen; seine Vorrechte 
und deren Ausübung unter seine Pflichten rechnen. 

Jenseits von Gut und Böse. p^ NietZSChe 



Eine Art von Redlichkeit ist allen Religions- 
stiftem und Ihresgleichen fremd gewesen: — sie 
haben nie sich aus ihren Erlebnissen eine Gewissens- 
sache der Erkenntniss gemacht. „Was habe ich 
eigentlich erlebt? Was ging damals in mir und um 
mich vor? War meine Vernunft helle genug? War 
mein Wille gegen alle Betrügereien der Sinne ge- 
wendet und tapfer in seiner Abwehr des Phantas- 
tischen?" — so hat Keiner von ihnen gefragt, so 
fragen alle die lieben Religiösen auch jetzt noch 
nicht: sie haben vielmehr einen Durst nach Dingen, 
welche wider die Vernunft sind, und wollen es 
sich nicht zu seh wer. machen, ihn zu beftiedigen, — 
so erleben sie denn „Wunder" und „Wiedergeburten" 
imd hören die Stimmen der Englein ! Aber wir, wir 
Anderen, Vernunft - Durstigen, wollen unsern Erleb- 
nissen so streng ins Auge sehen, wie einem wissen- 



»37 



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schaftlichen Versuche, Stunde für Stunde, Tag um 
Tag! Wir selber wollen unsere Experimente und 
Versuchsthiere sein. 

La gaya scieoza. ' • WlCtZSCllC. 

Ernst nehmen. — Der Intellect ist bei 
den Allermeisten eine schwerfällige, finstere und 
knarrende Maschine, welche übel in Gang zu bringen 
ist: sie nennen es „die Sache ernst nehmen", wenn 
sie mit dieser Maschine arbeiten und gut denken 
wollen — oh wie lustig muss ihnen das Gut-Denken 
sein! Die liebüche Bestie Mensch verliert jedesmal, 
wie es scheint, die gute Laune, wenn sie gut denkt; 
sie wird „ernst" ! Und „wo Lachen und Fröhlichkeit 
ist, da taugt das Denken nichts": — so lautet das 
Vorurtheil dieser ernsten Bestie gegen alle „fröhliche 
Wissenschaft." — Wohlan! Zeigen wir, dass es ein 
Vorurtheil ist! 

La gaya scienza. ** • WietZSCnC. 

So wahr ist es, dass man, die Menschen vom 
Irrthum abzuführen, nicht die Worte der Thoren 
widerlegen, sondern den Geist ihrer Thorheit in 
ihnen auslöschen muss. Es hilft nichts zum Sehen, 
die Nacht zu beschreiben und die schwarze Farbe 
ihrer Schatten zu malen: nur wenn du das Licht 
anzündest, kannst du zeigen, was die Nacht war, und 
nur, wenn du den Staaren stichst, was die Blind- 
heit gewesen. 

Lienhardt und Gertrud. Helnrich PcStalOZZi. 



138 



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Mit aller Theologen gütiger Erlaubniss, die 
Menschheit ist um der Menschen willen da. Den 
Individualitäten die möglichst grosse Freiheit der 
Entwicklung zu verschaffen, ohne dass sie sich 
wechselseitig hindern — das ist die Bestimmimg der 
bürgerlichen Gesellschaft. 



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Kritiken. 



L. Börne. 



Die Bestimmung des Menschen ist Mensch zu 

Moriz Carriere. 



sem. 

Aesthetilc, Band i. 




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schaftlichen Versuche, Stunde für Stunde, Tag um 
Tag! Wir selber wollen unsere Experimente und 
Versuchsthiere sein. 

La gaya scienza. ** • WietZSCIie. 

Ernst nehmen. — Der Intellect ist bei 
den Allermeisten eine schwerfällige, finstere und 
knarrende Maschine, welche übel in Gang zu bringen 
ist: sie nennen es „die Sache ernst nehmen", wenn 
sie mit dieser Maschine arbeiten und gut denken 
wollen — oh wie lustig muss ihnen das Gut-Denken 
sein! Die liebliche Bestie Mensch verliert jedesmal, 
wie es scheint, die gute Laune, wenn sie gut denkt; 
sie wird „ernst" ! Und „w^o Lachen und Fröhlichkeit 
ist, da taugt das Denken nichts": — so lautet das 
Vorurtheil dieser ernsten Bestie gegen alle „fröhliche 
Wissenschaft." — Wohlan! Zeigen wir, dass es ein 
Vorurtheil ist! 

La gaya scienza. ** • IMieiZSCnC 

So wahr ist es, dass man, die ^Menschen vom 
Irrthum abzuführen, nicht die Worte der Thoren 
widerlegen, sondern den Geist ihrer Thorheit in 
ihnen auslöschen muss. Es hilft nichts zum Sehen, 
die Nacht zu beschreiben und die schwarze Farbe 
ihrer Schatten zu malen: nur wenn du das Licht 
anzündest, kannst du zeigen, was die Xacht war, und 
nur, wenn du den Staaren stichst, was die Blind- 
heit gewesen. 

Lienhardt und Gertrud. Hcinrich PcStalOZZL 



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Mit aller Theologen gütiger Erlaubniss, die 
Menschheit ist um der Menschen willen da. Den 
Individualitäten die möglichst grosse Freiheit der 
Entwicklung zu verschaffen, ohne dass sie sich 
wechselseitig hindern — das ist die Bestimmung der 
bürgerlichen Gesellschaft. 

Kritiken. L. BömC. 



Die Bestimmung des Menschen ist Mensch zu 
sein. 

Aesth etile, Band i. 



Moriz Carriere. 




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Ueberall, wo ein grosser Geist seinen Gedanken 
ausspricht, ist Golgatha. 



Salon. 



H. Heine. 



Es ist nicht jedem gegeben, sich zu bescheiden, 
in dem zur Abspielung trivialer Weisen construirten 
Drehorgelwerk des Lebens ein kleines, unbeachtetes 
Stiftchen vorzustellen. Das Licht will leuchten: das 
ist seine Natur und sein Recht 

Schiller und seine Zeit. Joh. Schcrr. 



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Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität und 
die Menschen wären geistreicher, wenn sie sittlicher 
wären. 

Vermischte Aufsätze. L« BÖmC, 



Ehe eine Zeit aufbricht und weiterzieht, schickt 
sie immer fähige und vertraute Menschen voraus, 
ihr das neue Lager abzustechen. Liesse man diese 



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Ueberall, wo ein grosser Geist seinen Gedanken 
ausspricht, ist Golgatha. 



Salon. 



H. Heine. 



Es ist nicht jedem gegeben, sich zu bescheiden, 
in dem zur Abspielung trivialer Weisen construirten 
Drehorgelwerk des Lebens ein kleines, unbeachtetes 
Stiftchen vorzustellen. Das Licht will leuchten: das 
ist seine Natur und sein Recht. 

Schiller und seine Zeit. Joh. SchCfr. 



Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität und 
die Menschen wären geistreicher, wenn sie sittÜcher 
wären. 

Vermischte Aufsätze. L. OOme. 



Ehe eine Zeit aufbricht und weiterzieht, schickt 
sie immer fähige und vertraute Menschen voraus, 
ihr das neue Lager abzustechen. Liesse man diese 



143 



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Boten ihren Weg gehen, folgte man ihnen und be- 
obachtete sie, erführe man bald, wo die Zeit hinaus 
will. Aber das thut man nicht. Man nennt Jene 
Vorläufer, Unruhestifter, Verführer, Schwärmer und 
hält sie mit Gewalt zurück. Aber die Zeit rückt 
doch weiter mit ihrem ganzen Trosse, und weil sie 
nichts bestellt und angeordnet findet, wohnt sie sich 
ein, wo es ihr beliebt, und nimmt, und zerstört mehr, 
als sie gebraucht und verlangt. 

Kritiken und Aphorismen. L. BÖfOe. 



Das ist, man möchte sagen, das Charakteristische 
der grossen Naturen: sie begründen wohl, aber sie 
vollenden nicht. 

Weltgeschichte, Band 7. L. V. RankC. 

Wer vom Schicksal erkoren wird, das grösste 
Neue zu schaffen dadurch, dass er grosses Altes 
Vernichtet, der schlägt zugleich einen Theil seines 
eigenen Lebens in Trümmer. Er muss Pflichten 
verletzen, um grössere Pflichten zu erfüllen. Je ge- 
wissenhafter er ist, desto tiefer fühlt er den Schnitt, 
den er in die Ordnung der Welt gemacht hat, auch 
in seinem Innern. 

Bilder aus der deutschen Vergangenheit 1861. GustaV FrCytag. 



Im Alter giebt es keinen schönem Trost, als 
dass man die ganze Kraft seiner Jugend Werken 
einverleibt hat, die nicht mit altem, 

Parerga und Paralipomena, Band i. A. SchOpenhäUer. 



J 



Was einer höhern Art von Menschen zur Nah- 
rung oder zur Labsal dient, muss einer sehr unter- 
schiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. 

Jenseits von Gut und Böse. p^ NietZSChC. 

Grosse Männer schaffen ihre Zeiten nicht, aber 
sie werden auch nicht von ihnen geschaffen. Es sind 
originale Geister, die in den Kampf der Ideen selbst- 
ständig eingreifen, die mächtigsten derselben, auf 
denen die Zukunft beruht, zusammenfassen, sie fördern 
und durch sie gefördert werden. 

Weltgeschichte, Band 5. L. V. RankC. 

Es ist das Schicksal hochbegabter Menschen: 
mit ihren innersten und tiefsten Gedanken suchen 
sie in die Welt einzugreifen; sie gerathen aber damit 
in das Getriebe der Kämpfe, die sie umgeben; es 
gelingt ihnen, eine grosse Wirkung auszuüben; aber 
damit werden sie selbst entbehrlich. 

Weltgeschichte, Band 5. L. V. RankC. 

Du musst klein sein, willst du kleinen Menschen 
gefallen. 



Vermischte Aufsätze. 



L. Börne. 



Grossartige Entwürfe gedeihen selten im Sonnen- 
schimmer des Glückes, und nur im Kampfe mit 
äussern Widerwärtigkeiten erlangt der menschliche 
Geist jene Elastizität, welche ihm zur Erfindung und 



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144 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



10 



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Ausfuhrung kühner und origineller Pläne nothwen- 
dig ist. 

Geschichte der religiösen und philosophischen Job. Und Th. SchCfr. 
Ideen, Band i. 



Gewöhnliche Menschen schauen die Früchte 
ihres Thuns; der Same, den geniale Naturen aus- 
streuen, geht langsam auf. 

Römische Geschichte, Band 3. 



Th. Mommsen. 



Das Verhängniss ist mächtiger als das Genie. 
Aber dennoch ist es ein Privilegium der höchsten 
Naturen schöpferisch zu irren. Die genialen Ver- 
suche grosser Männer, das Ideal zu realisiren, wenn 
sie auch ihr Ziel nicht erreichen, bilden den besten 

Schatz der Nationen. 

. . ^ u w u A Th. Mommsen. 

Römische Geschichte, Band 3. 

In der Einsamkeit, als wo jeder auf sich selbst 
zurückgewiesen ist, da zeigt sich was er an sich 
selber hat: da seufzt der Tropf im Purpur unter 
der unabwälzbaren Last seiner armseligen Indivi- 
dualität, während der Hochbegabte die ödeste Um- 
gebung mit seinen Gedanken bevölkert und belebt 

Parerga und Paralipomena, Band i. A. SchOpenhaUCr. 

Der grösste Segen, welchen die Reformatoren 
der Erde nachkommenden Geschlechtem hinterlassen, 
liegt selten auf dem , was sie selbst für die Frucht 
ihres Erdenlebens halten, nicht auf den Lehrsätzen, 
um die sie kämpfen, leiden und siegen, von ihren 



j 



Zeitgenossen gesegnet und verflucht werden. Nicht 
ihr System ist das Bleibende, sondern die zahllosen 
Quellen eines neuen Lebens, welche unter ihrer 
Arbeit fröhlich aus der Tiefe der Volksseele ans 
Licht treten. 

Bilder aus der deutschen Vergangenheit, Band 4. GUStSV KreVtaff. 



Nein, nicht unter Trompeten und Paukenschall, 
nicht unter dem Gedröhne von loi Kanonenschuss, 
nicht unter dem Hallelujahen von Engeln und andern 
Fabelthieren, sondern still und schlicht, in scheinloser 
Form, ärmlich sogar oft und unschön tritt das Gute, 
das Grosse, das Menschen- und Völkergeschicke 
Bestimmende, Gewaltige in die Welt 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Jfoh, ScherT« 



Die naive Eitelkeit trifft das Richtige, wenn sie 
die Orden an den Sarg heftet. Aber der Lorbeer 
um Dantes Schläfe grünt unverwelklich für ewige 
Zeiten, ein Blatt von ihm wiegt Wagenladungen 
von Grosskreuzen auf. 

Zweck im Recht, Band i. R. V. Jhcring. 

Denn es ist ja das sicherste Merkmal, das un- 
trüglichste Zeichen der rechten Götterlieblinge, der 
wahrhaft grossen und guten Menschen, dass mit 
dem Lorbeer der Heldenschaft, welcher ihre Stime 
beschattet, alle Zeit der Palmzweig des Martyriums 
sich verflicht 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Joh. SchefT. 






146 



147 



10' 



Mit Recht hat man es ausgesprochen, dass das 
Märtyrerthum unserer Tage ein furchtbareres sei, als 
das des Mittelalters. Damals wurden die Helden 
der Freiheit und Wahrheit von den schwarzen 
Familiären ein für allemal vor ein blutdürstiges 
Tribunal geladen und zur Ehre des Glaubens ein 
für allemal verbrannt. Der jubelnde Scheiterhaufen 
empfing sie und ihre Namen hat die Weltgeschichte 
als die edelsten in ihr ewiges Lied verwoben. Heut- 
zutage aber dauert das Märtyrerthum der Freiheits- 
kämpfer und Wahrheitshelden ihr ganzes Leben 
hindurch, und sie können nicht sterben als lobsingende 
Zeugen der Vernunft und Menschenwürde, sondern 
fallen im Dunkel, hinterrücks getroffen von dem Dolch 
der Finsterlinge, oder hinsiechend an dem Gifte der 
Verläumdung, und dem Andenken von Hunderten, 
die ihr Leben auf dem opferdurstigen Altar der 
Menschheit dargebracht, hallt nicht einmal ein leiser 
Klang nach im Gedächtnisse der Nachwelt. 

Geschichte der religiösen und philosophischen Joh. Und Th. Schcrr. 
Ideen, Band 3. ^ 



Die meisten sogenannten edeln Menschen haben 
nur Krämertugenden ; ihr Herz ist ein Gewürzladen, 
und freilich alles Lobes werth. Sie wiegen ihre 
Guthaben in Lothen und Quentchen kleiner Gefällig- 
keiten zu und indem sie die dringenden Bedürfhisse 
des Augenblickes befriedigen, werden sie der Armuth 
und der bettelhaften Eitelkeit ganz unentbehrlich. 
Die Tugend hoher Menschen aber ist ungemünztes 



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148 



Gold, das im Verkehre des alltäglichen Lebens nicht 
zu gebrauchen ist. Solche Menschen beglücken 
leichter Völker, als einzelne Menschen; sie geben 
lieber Saatkorn als Brod. Ihre Seele ist keine 
Giesskanne, die eine geliebte Nelke erfrischt, son- 
dern eine Gewitterfluth , die weite Felder und hohe 
Eichbäume tränkt. 

Fragmente und Aphorismen. L, BÖmC 

Der einzige Maassstab, womit wirkliche Grössen 
würdig gemessen werden, ist die Wahrhaftigkeit. 

Menschliche Tragikomödie, Band 3. Tq|^ ScheFT 

Die grossen, aus den untersten Klassen empor- 
gestiegenen Geschäftsmänner und Techniker euro- 
päischen Namens verdanken ihren Erfolg und ihre 
Leistungen für die Menschheit noch mehr ihrer sitt- 
lichen Kraft und strebsamen Selbstbeherrschung, als 
den Gaben des Geistes, und fast jedes Hinunter- 
steigen aus den höhern Ständen entspringt morali- 
schen Schwächen. 



Das gesellschaftliche System der menschlichen 
Wirthschaft. 



A. E. F. Schäffle. 



Was die Besten und nur die Besten unter den 
Zeitgenossen wünschen, das geschieht zwar auch, 
aber spät ; denn da die Besten ihrer Zeit voraneilen, 
so werden ihre Wünsche und Bedürfnisse erst die 
der Nachwelt Doch was die Menge wünscht, das 
geschieht bald. 

Kritiken und Aphorismen. L*« BOme. 



149 



Die geistigsten Menschen, vorausgesetzt, däss 
sie die Muthigsten sind, erleben auch bei weitem 
die schmerzhaftesten Tragödien: aber eben deshalb 
ehren sie das Leben, weil es ihnen seine grösste 
Gegnerschaft entgegenstellt. 



Götzen-Dämmerung. 



F. Nietzsche. 



Denn dass der Mensch, beim Anblick des Ge- 
nusses und Besitzes, den eigenen Mangel bitter 
fühlt, ist natürlich, ja unvermeidlich. Nur sollte dies 
nicht seinen Hass gegen den Beglückteren erregen : 
gerade hierin aber besteht der eigentliche Neid. 
Am wenigsten aber sollte dieser eintreten, wo nicht 
die Gaben des Glücks, oder Zufalls, oder fremder 
Genuss, sondern die der Natur der Anlass sind; 
weil alles Angeborene auf einem metaphysischen 
Grunde beruht, also eine Berechtigung höherer Art 
hat und, so zu sagen, von Gottes Gnaden ist. Aber 
leider hält der Neid es gerade umgekehrt; er ist 
bei persönlichen Vorzügen am unversöhnlichsten; 
daher eben Verstand und gar Genie sich auf der 
Welt erst Verzeihung erbetteln müssen, wo immer 
sie nicht in der Lage sind, die Welt stolz und kühn 
verachten zu dürfen. 
Zur Ethik. A. Schopenhauer. 

Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, 
aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling 
oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohlthätige 
Gottheit reisse den Säugling von seiner Mutter 
Brust, nähre ihn mit der Milch eines besseren 



Alters und lasse ihn unter fernem griechischen 
Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann 
Mann geworden, so kehre er in sein Jahrhundert 
zurück, aber nicht, um es mit seiner Erscheinung 
zu erfreuen, sondern furchtbar, wie Agamemnons 
Sohn, um es zu reinigen. Den Stoff zwar wird er 
von der Gegenwart nehmen , aber die Form von 
einer edleren Zeit, ja jenseits aller Zeiten, von der 
absoluten, unwandelbaren Einheit seines Wesens 
entlehnen. Hier aus dem reinen Aether seiner dä- 
monischen Natur, rinnt die Quelle der Schönheit 
herab, unangesteckt von der Verderbniss der Ge- 
schlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in 
trüben Strudeln sich wälzen. Er blicke aufwärts 
nach seiner Würde und den Gesetzen, nicht nieder- 
wärts nach dem Glücke und nach dem Bedürfniss. 

Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. K. V. Schlller. 



Um sich und alle seine Kräfte einer speziellen 
Wissenschaft zu widmen, muss man allerdings grosse 
Liebe zu ihr, jedoch auch grosse Gleichgültigkeit 
gegen alle übrigen haben ; weil man jenes nur kann 
unter der Bedingung, in diesem allem unwissend zu 
bleiben; wie wer Eine heirathet, allen Andern ent- 
sagt. Geister ersten Ranges werden daher nie sich 
einer Spezialwissenschaft widmen: denn ihnen liegt 
die Einsicht in das Ganze zu sehr am Herzen. Sie 
sind Feldherm, nicht Hauptleute, Kapellmeister, 
nicht Orchesterspieler. 

P,rerga und Paralipomena II. A. SchOpenhaUCr. 



1^0 



151 



Die Irrthümer eines grossen Geistes sind be- 
lehrender als die Wahrheiten eines kleinen, und 
wenn sie den Weg verfehlen, haben sie den rechten 
Weg nur auf eine andere Art gezeigt. 

Vermischte Aufsätte. L. BÖmC. 

Die Menschen sind nun einmal so, dass jeder, 
was er thun sieht, lieber selbst vornähme, er habe 
Geschick dazu oder nicht. 

Dichtung und Wahrheit. J. W. GoethC. 

Doch das ist unser schönster und süssester 
Wahn, den wir nicht aufgeben dürfen, ob er uns 
gleich viel Pein im Leben verursacht, dass wir das, 
was wir schätzen und verehren, uns auch wo- 
möglich zueignen, ja aus uns selbst hervorbringen 
und darstellen möchten. 

Dichtung und Wahrheit. J. W. GoCthC. 

Aber wie das Erhabene von Dämmerung und 
Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht 
erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage ver- 
scheucht, der alles sondert und trennt, und so 
muss es auch durch jede wachsende Bildung ver- 
nichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, 
sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig 
mit ihm zu vereinigen, wodurch dann beide gleich 
unsterblich und unverwüstlich sind. 

Dichtung und Wahrheit. J. W. GoethC. 

Nicht in den Niederungen der Alltagspraxis, 
sondern auf den Berghöhen der Gedankenarbeit gehen 



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die Morgenlichter einer neuen Zeit auf. Nicht im 
Ge wühle und Getose des Marktes, sondern in den 
stillen Studierstuben einsamer Denker hat der Genius 
der Menschheit seine Werkstätten. Nicht der an- 
geblich vernünftige, von jedem jämmerlichen Volks- 
schmeichler leicht zu nasführende Volkswille erzeugt 
die grossen Anschauungen und Ueberzeugungen, 
sondern das Thun, der Scharfsinn und die Be- 
geisterung einzelner auserwählter Männer von Kopf 
und Herz. Wenn die Volksmassen nicht immer 
ihre wahren Führer und Helden verjagen, kreuzigen 
oder steinigen, so hinken sie denselben doch allzeit 
in einer Entfernung von Jahrdutzenden, von Jahr- 
hunderten hintendrein. 

Germania. Joh. SchefT. 

Bescheidenheit in einem grossen Geiste würde 
den Leuten wohl gefallen: nur ist sie leider eine 
contradictio in adjecto. Ein solcher nämlich müsste 
den Gedanken, Meinungen und Ansichten, wie auch 
der Art und Manier der andern, und zwar jener 
andern, deren Zahl Legion ist, Vorzug und Werth 
vor seinen eigenen einräumen und diese, stets sehr 
davon abweichenden, jenen unterordnen und an- 
bequemen, oder auch sie ganz unterdrücken, um 
jene walten zu lassen. Dann aber würde er am 
Ende Nichts, oder dasselbe hervorbringen und 
leisten, was auch die andern. Das Grosse, Aechte 
und Ausserordentliche kann er vielmehr nur hervor- 
bringen, sofern er die Art und Weise, die Gedanken 



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152 



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und Ansichten seiner Zeitgenossen filr nichts achtet, 
ungestört schafft was sie tadeln , und verachtet was 
sie loben. Ohne diese Arroganz wird kein grosser 
Mann. ^ . «. - 

Parerga und ParaUpomcna, Band ,. A, SchopenhaUef. 



Denn nicht dass Einer von der urtheilslosen , so 
oft bethörten Menge für einen grossen Mann ge- 
halten werde, sondern dass er es sei, macht ihn 
beneidenswerth; auch nicht, dass die Nachwelt von 
ihm erfahre, sondern dass in ihm sich Gedanken 
regen, welche verdienen, Jahrhunderte hindurch 
aufbewahrt und nachgedacht zu werden, ist em 
hohes Glück. 



Parerga und Paralipomena, Band i. 



A. Schopenhauer. 



Denn da die Menschen in der Regel ohne 
eigenes Urtheil sind und zumal hohe und schwierige 
Leistungen abzuschätzen durchaus keine Fähigkeit 
haben; so folgen sie stets fremder Auktorität, und 
der Ruhm, in hoher Gattung, beruht bei 99 «"ter 
,00 Rühmem bloss auf Treu und Glauben. Daher 
kann auch der vielstimmige Beifall der Zeitgenossen 
für denkende Köpfe nur wenig Werth haben, indem 
sie in ihm stets nur das Echo weniger Stimmen 
hören, die zudem selbst nur sind, wie der Tag sie 
gebracht hat Würde wohl ein Virtuose sich ge- 
schmeichelt fühlen durch das laute Beifallsklatschen 
seines Publikums, wenn ihm bekannt wäre, dass 
es, bis auf Einen oder Zwei, aus lauter völlig 



Tauben bestände, die, um einander gegenseitig ihr 
Gebrechen zu verbergen, eifrig klatschten, sobald 
sie die Hände jenes Einen in Bewegung sähen? 
Und nun gar, wenn die Erkenntniss hinzukäme, 
dass jene Vorklatscher sich oft bestechen lassen, 
um dem elendesten Geiger den lautesten Applaus 
zu verschaffen! 

Parerga und Paralipomena, Band i. A. SchopenhaUef. 



Täglich hören, was über uns gesprochen wird, 
oder gar zu ergründen, was über uns gedacht 
wird — das vernichtet den stärksten Mann. Darum 
lassen uns ja die andern leben, um täglich über 
uns Recht zu behalten! Sie würden uns ja nicht 
aushalten, wenn wir gegen sie Recht hätten oder 
gar haben wollten. Kurz, bringen wir der all- 
gemeinen Verträglichkeit das Opfer, horchen wir 
nicht hin, wenn über uns geredet, gelobt, getadelt, 
gewünscht, gehofft wird, denken wir auch nicht 
einmal daran. 

Morgenröthe. F. NlctZSChe. 

So sehr nun auch durchgängig der Stolz ge- 
tadelt und verschrieen wird, so vermuthe ich doch, 
dass dies hauptsächlich von Solchen ausgegangen 
ist, die nichts haben, darauf sie stolz sein könnten. 
Der Unverschämtheit und Dummdreistigkeit der 
meisten Menschen gegenüber thut jeder, der irgend 
welche Vorzüge hat, ganz wohl, sie selbst im Auge 
zu behalten, um nicht sie gänzlich in Vergessenheit 
gerathen zu lassen. Denn wer, solche gutmüthig 



J 



»54 



155 



ignorirend, mit jenen sich gerirt, als wäre er ganz 
ihres Gleichen, den werden sie treuherzig sofort 
dafür halten. — Wohl aber ist die Tugend der Be- 
scheidenheit eine erkleckliche Erfindung für die 
Lumpe ; da ihr gemäss Jeder von sich zu reden hat, 
als wäre er auch ein solcher, welches herrlich 
nivellirt, indem es dann so herauskommt, als gäbe 
es überhaupt nichts als Lumpe. 

Farerga und Paralipomena, Band i. A. SchopenhaUCr. 

Wenn wir den entscheidenden Schritt thun 
und den Weg antreten, welchen man den „eigenen 
Weg" nennt: so enthüllt sich uns plötzlich ein Ge- 
heimniss: wer auch alles mit uns freund und ver- 
traut war, — Alle haben sich bisher eine Ueber- 
legenheit über uns eingebildet und sind beleidigt. 
Die Besten von ihnen sind nachsichtig und warten 
geduldig, dass wir den „rechten Weg" — sie wissen 
ihn ja ! — schon wieder finden werden. Die Anderen 
spotten und thun, als sei man vorübergehend närrisch 
geworden oder bezeichnen hämisch einen Verführer. 
Die Bösesten erklären uns für eitle Narren und 
suchen unsere Motive zu schwärzen, und der 
Schlimmste sieht in uns seinen schlimmsten Feind, 
einen, den nach Rache für eine lange Abhängig- 
keit dürstet, — und fürchtet sich vor uns. — Was 
also thun? Ich rathe: seine Souveränität damit an- 
fangen, dass man für ein Jahr voraus allen uns 
Bekannten für Sünden jeder Art Amnestie zusichert. 

Morgenröihe. F. NictZSChe. 



Dass Einer ein grosser Geist sein könnte, ohne 
etwas davon zu merken, ist eine Absurdität, welche 
nur die trostlose Unfähigkeit sich einreden kann, 
damit sie das Gefühl der eigenen Nichtigkeit auch 
für Bescheidenheit halten könnte. 

A. Schopenhauer. 



Welt als Wille und Vorstellung, Band 2. 



Das ist der Vorzug edler Naturen, dass ihr 
Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt, wie 
ihr Verweilen auf der Erde , dass sie uns von dort- 
her gleich Sternen entgegenleuchten, als Richt- 
punkte, wohin wir unsem Lauf bei einer nur zu oft 
durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu richten 
haben ; dass diejenigen, zu denen wir uns als Wohl- 
wollenden und Hilfereichen im Leben hinwandten, 
nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen 
als Vollendete, Seelige. 

Joh. Scherr; Geschichte der deutschen Frauenwelt. W. V. GoethC. 




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'59 



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Ihr weist stolz auf die Fülle von Mathematik, 
naturwissenschaftlichen und technischen Forschungen 
und Findungen, welche unserer Zeit eigen sind und 
deren Werth kein Verständiger unterschätzen wird. 
Ja, gewiss jeder Mensch von fünf gesunden Sinnen 
zollt den exakten Wissenschaften seinen begeisterten 
Dank für die unerreichbar grossen Wohlthaten, 
welche sie zu unserer Zeit mittelst ihrer Arbeiten 
und Erfolge dem Menschengeschlecht erwiesen 
haben und zu beweisen fortfahren. Aber Menschen 
von Kopf und Herz können und werden nicht an- 
stehen, die in unsem Tagen sehr laut gewordenen 
Ansprüche der exacten Wissenschaften auf Allein- 
geltung, Allmacht und AUeinseeligmacherei ganz 
entschieden zu verwerfen und zurückzuweisen. Die 
menschliche Gesellschaft lebt denn doch nicht allein 
von mathematischen Formeln, von Dampf und Gas- 
bereitung, von Eisenbahnen und Telegraphen. Die 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Mäancr. 



II 




Ihr weist stolz auf die P'ülle von Mathematik, 
naturwissenschaftlichen und technischen Forschungen 
und Findungen, welche unserer Zeit eigen sind und 
deren Werth kein Verständiger unterschätzen wird. 
Ja, gewiss jeder Mensch von fünf gesunden Sinnen 
zollt den exakten Wissenschaften seinen begeisterten 
Dank für die unerreichbar grossen Wohlthaten, 
welche sie zu unserer Zeit mittelst ihrer Arbeiten 
und Erfolge dem Menschengeschlecht erwiesen 
haben und zu beweisen fortfahren. Aber Menschen 
von Kopf und Herz können und werden nicht an- 
stehen, die in unsem Tagen sehr laut gewordenen 
Ansprüche der exacten Wissenschaften auf Allein- 
geltung, Allmacht und AUeinseeligmacherei ganz 
entschieden zu verwerfen und zurückzuweisen. Die 
menschliche Gesellschaft lebt denn doch nicht allein 
von mathematischen Formeln, von Dampf und Gas- 
bereitung, von Eisenbahnen und Telegraphen. Die 



Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



II 



Bestimmung des Menschen geht nicht im Nützlichen 
auf. Streicht das Schöne und seinen Kult aus dem 
Leben weg und ihr werdet erfahren, dass die Erde 
nur ein Schweinestall. Ein mittelst der Thätigkeit 
unserer exacten Wissenschaften recht utilitarisch 
und bequem eingerichteter Schweinestall , aber doch 
immer nur ein Schweinestall, in welchem für Götter, 
für Begeisterung, für Gefühlsinnigkeit, für Gedanken- 
hoheit und Opferwilligkeit kein Platz ist und nur 
der eiserne Moloch des Nutzens fühllos seine gräss- 
lichen Hekatomben empfängt. 

Menschliche Tragikomödie, Band i. JOH. SCIierr. 



Ihr rühmt euch, auch der Jugend alles unprak- 
tische Phantasiren, Idealisiren und Sentimentalisi- 
ren allmählich verleidet zu haben. Aber habt ihr 
dadurch nicht mit roher Hand den Schmetterlings- 
flügelstaub von der Menschenseele gewischt? Habt 
ihr nicht die liebenswürdige jugendliche Begeisterung 
in widerwärtige Blasirtheit verkehrt? Habt ihr die 
Jugend nicht gelehrt, die höchste, die einzige Wissen- 
schaft und Kunst sei im Grund doch die, ein Millionär 
oder gar ein Millionarder zu werden, gleichviel wie? 

Menschliche Tragikomödie, Band i. Toh SchCIT 



Und die Metaphysiker gleichen den Mäusen, die 
über den Baumeister des Schlosses raisonniren, 
dessen Löcher sie bewohnen; die Mehrzahl aber 
sucht Essen, Trinken, rammelt und weicht den 
Katzen möglichst aus dem Wege. Der wahre Weise 



J 



betet die Natur an, ohne zu grübeln, sucht Geist 
und Herz zu veredeln, wenn er auch ihr Wesen 
sich nicht erklären kann, lässt die Welt sein und 
bestrebt sich, das Plätzchen würdig auszufüllen, das 
ihm der Zufall angewiesen hat Zweifel, wo 
keine Gründe helfen wollen, weist er mit einem 
bah! zurück, wie manche Sorge durch Lachen. 
Demokrito. V. ^ J. Weber. 

Nie werden wohl gewisse Räthsel gelöst werden 
können; aber wir haben grosse Fortschritte gemacht, 
wenn wir die Grenzen unseres Verstandes nicht 
mehr für die Grenzen der Natur ansehen;, wir kennen 
unsere eigne Seele nicht, und wir wollen über die 
Weltseele raisonniren, über Welt und Gottheit? 
Wir können nur deraisonniren. 

Demokritos V. y.. J. Weber. 

Eins ist sicher: dass der Mensch einer Er- 
gänzung der Wirklichkeit durch eine von ihm selbst 
geschaffne Idealwelt bedarf, und dass die höchsten 
und idealsten Funktionen seines Geistes in solchen 
Schöpfungen zusammenwirken. 

Geschichte des Materialismus. 



F. A. Lange. 



Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von un- 
endlichem Werth, denn er ist der Repräsentant 
einer ganzen Ewigkeit 

Eckermann: Gespräche mit Goethe. T ^^ ^ GoCthe. 

Denn das wie? oder woher? ist die einzige 
Frage, welche uns überhaupt nach den Gesetzen 



162 



163 



II' 



r 



von Ursache und Wirkung an die Natur und an 
die Wesenheit der Dinge zu stellen erlaubt ist, 
während das warum? eine thörichte Frage ist, 
welche über uns selbst hinausgeht und daher nie- 
mals von uns selbst beantwortet werden kann. 
Wollten wir fragen, warum der Mensch da sei, so 
wäre das gleichbedeutend mit der Frage, warum 
das Universum . warum das Dasein überhaupt da sei. 

Stellung des Menschen. L« BÜChnCr. 

Thue das Vollkommenste, was durch Dich mög- 
lich ist! 

Schriften zur Philosophie und zur Logik. J. Kant. 



Ein Faktum unsres Lebens gilt nicht, insofern 
es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hat. 

J. P. Eckennann: Gespräche mit Goethe II. Vv . Goetlie. 



Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme 
der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das 
Problem angeht und sich sodann in der Grenze des 
Begreiflichen zu halten . . . Auch sollen wir höhere 
Maximen nur aussprechen, insofern sie der Welt zu 
Gute kommen. Andere sollen wir bei uns behalten, 
aber sie mögen und werden auf das, was wir thun, 
wie der milde Schein einer verborgenen Sonne ihren 
Glanz breiten. 

Eckermann: Gespräche mit Goethe I. VV. Goetlie. 



Ich will, ein für alle Mal, Vieles nicht wissen. 
— Die Weisheit zieht auch der Erkenntniss Grenzen. 

Götzen-Dämmerung. F. NietZSChC. 



164 



Eine höhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, 
liebt nicht „Berufe", genau deshalb, weil sie sich 
berufen weiss ... Sie hat Zeit, sie nimmt sich 
Zeit, sie denkt gar nicht daran, „fertig zu werden", 
— mit dreissig Jahren ist man, im Sinne hoher Cul- 
tur, ein Anfänger, ein Kind. 

Götren-Dämmening. p^ NletZSChe. 

Wilhelm Humboldt wusste, dass die Geistes- 
wissenschaft nicht wie die Naturwissenschaft allein 
dem Gesetze der Logik folgen darf, dass sie ihre 
letzten und höchsten Gedanken nur ahnen, nicht 
ganz beweisen kann. 

Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Band 3. H. V. TreitSChke 

Der Mensch wird nie seine Natur überwinden, 
aber er begreife, erhöhe, verkläre sie. 

Geschichte der Literatur. JqJ^^ Schcrr. 

Dem Individuum, sofern es sein Glück mll, 
soll man keine Vorschriften über den Weg zum 
Glück geben: denn das individuelle Glück quillt 
aus eigenen, jedermann unbekannten Gesetzen, es 
kann mit Vorschriften von Aussen her nur verhindert, 
gebannt werden. 

'*°^«'°^°*^*- F. Nietzsche. 

Ein bildungsloser Atheist ist nur ein Stück 
Vieh. Der bekannte goethische Satz: 

,Wer Wissenschaft und Kunst besitzt. 
Hat auch Religion; 
Wer diese beiden nicht besitzt, 
Der habe Religion' 



165 



klingt sehr aristokratisch, enthält aber eine grosse 
Wahrheit. 

Menschliche Tragikomödie, Band 2. Joh. SchCfr. 



Es ist ein tiefweises Wort, jenes neutestament- 
liche: ,Der Mensch lebt nicht allein vom Brote/ 
Soll er nicht verthieren, so muss er etwas haben, 
an etwas glauben, was ihn über die Drangsale des 
Kampfes ums Dasein emporhebt. Ob er dies Etwas 
im Himmel suche oder auf Erden, ist am Ende aller 
Ende einerlei, aber ohne Illusionen, Ideale, Götter 
ist er eine Bestie, sei es eine wilde, sei es eine wüste. 

Letzte Gänge. Joh. Schcrr. 

Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich 
zu wenig gefreut: Das allein, meine Brüder, ist 
unsere Erbsünde. Und lernen wir uus freuen, so 
verlernen wdr am besten, Andern wehe zu thun und 
Wehes auszudenken. 

Also sprach Zarathustra. E. NietZSClie. 

Der Mensch mag seine höhere Bestimmung auf 
Erden oder im Himmel, in der Gegenwart oder in 
der Zukunft suchen, so bleibt er deshalb doch inner- 
lich einem ewigen Schwanken, von aussen einer 
immer störenden Einwirkung ausgesetzt, bis er ein 
für allemal den Entschluss fasst zu erklären, das 
Rechte sei das, was ihm gemäss ist. 

Dichtung und Wahrheit. J- W. GoethC. 



rivoi olog iaai: werde der du bist. 



Pindar. 



166 



Natur und Geisteskultur lassen sich gar wohl 
im Bunde denken, dem die Griechen nahe kamen; 
aber wir verliessen das schönste Ideal unserer Gat- 
tung; die Erde sollte nach dem Willen der Natur 
ein Tanzsaal sein, wir selbst machten sie zum 
Krankenhause und den Naturmenschen zum Kunst- 
menschen. 

Demokritos V. K. J. Wcber. 

Nach meiner Erfahrung trägt ein heiterer Sinn 
und Gemüthsruhe mehr zum Langleben bei als 
Diät und Aufenthalt in freier Luft, und je mehr 
man in und mit der Welt gelebt hat, desto mehr 
nähert man sich der Schule Demokrits. Frohsinn ist 
der Genius, der uns über die Mordfelder des Lebens 
geleitet, frei und lächelnd wie der glückliche Feld- 
herr, vor dem die Fahnen des Sieges flattern. Froh- 
sinn ist unser wahrer Seelsorger und wenn mit den 
Jahren die Gefässe Knorbel und die Knorbel Knochen 
werden, und uns immer mehr Erde in den Körper 
kommt, statt Fleisch, Blut und Nerv^ensaft, warum sollten 
wir trauern, dass das Gerippe unter die Erde sinkt? 
Demokritos VIII. K.J.Weber. 

Der Frohsinn aber enthält das ganze Gesetz 
und die Propheten, die vier grossen und die zwölf 
kleinen Propheten des Frohsinns. — Aber der 
wahre Mensch kann seinen Geburtstag nicht eher 
feiern, als bis er geboren ist, und wo wahre Volks- 
feste sein sollen, muss ein fröhliches Volk sein. 
Unsere öffentlichen Feierlichkeiten waren bisher 



167 



wohl Verstandespausen, die mit einem Tutti von 
Ehrbarkeitspedanterei und leerem Schnickschnack 
begannen, und wenn sie köstlich waren mit Fress- 
und Saufgelagen endeten. Wahre Volksfeste 
erhöhen das Leben, ziehen den Menschen aus dem 
Ichthum seiner Hütte und erwärmen das Herz für 
Menschen und Bürgerthum, für Staat und Vaterland. 

Demokritos VIII. K. J. Webcr. 

Ich konnte nie mehr als drei Wege, glücklicher 
(nicht glücklich) zu werden, auskundschaften. — Der 
erste, der in die Höhe geht, ist: so weit über das 
Gewölke des Lebens hinauszudringen, dass man die 
ganze äussere Welt mit ihren Wolfgruben, Bein- 
häusem und Gewitterableitem von weitem unter 
seinen Füssen nur wie ein eingeschrumpftes Kinder- 
gärtchen liegen sieht. — 

Der zweite: gerade herabzufallen ins Gärtchen 
und dort sich so einheimisch in eine Furche einzu- 
nisten, dass, wenn man aus seinem wartnen Lerchen- 
nest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfgruben, 
Beinhäuser und Stangen, sondern nur Aehren er- 
blickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum und 
ein Sonnen- und Regenschirm ist. 

Der dritte endlich — den ich für den schwersten 
und klügsten halte — ist der: mit den beiden andern 
zu wechseln. 

Quintus Fixlein. J^an PaUl. 

Man ist nie glücklicher, als wenn uns ein starkes 
Gefühl bestimmt, nur in dieser Welt zu leben. 

Vermischte Schriften I. G. Chf. Lichtenberg. 



i68 



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Die Zweckmässigkeit ist erst vom reflectirenden 
Verstand in die Welt gebracht, der demnach ein 
Wunder anstaunt, das er selbst geschaffen hat. 

L Kant. 



L. Büchner: Kraft und Stoff. 



Wie können wir von Zweckmässigkeit reden, 
da wir ja die Dinge nur in dieser einen Gestalt 
und Form kennen und keine Ahnung davon haben, 
wie sie uns in irgend einer andern Gestalt und Form 
erscheinen würden. 

Kraft und Stoff. L. BÜChncr. 

Wenn ein Mensch, um einen Hasen zu schiessen, 
Millionen Gewehrläufe auf einer grossen Haide nach 
allen beliebigen Richtungen abfeuerte; wenn er, um 
in ein verschlossenes Zimmer zu kommen, sich zehn- 
tausend beliebige Schlüssel kaufte und alle versuchte ; 
wenn er, um ein Haus zu haben, eine Stadt baute 
und die überflüssigen Häuser dem Wind und Wetter 
überliesse: so würde wohl Niemand dergleichen 
zweckmässig nennen und noch viel weniger würde 
man irgend eine höhere Weisheit, verborgene Gründe 
und überlegene Klugheit hinter diesem Verfahren 
vermuthen. Wer aber in der neueren Wissenschaft 
Kenntniss nehmen will von den Gesetzen der Er- 
haltung und Fortpflanzung der Arten — selbst solcher 
Arten, deren Zweck wir überhaupt nicht einsehen, 
wie z. B. der Eingeweidewürmer, der wird allent- 
halben eine ungeheuere Vergeudung von Lebens- 
keimen finden. Vom Blüthenstaub der Pflanzen zum 
befruchteten Samenkorn, vom Samenkorn zur kei- 



169 



menden Pflanze, von dieser bis zu der voUwüchsigen, 
welche wieder Samen trägt, sehen wir stets den 
Mechanismus wiederkehren, welcher auf dem Wege 
der tausendfältigen Erzeugung für den sofortigen 
Untergang und des zufälligen Zusammentreffens der 
günstigen Bedingungen das Leben so weit erhält, 
als wir es in den bestehenden Arten erhalten sehen. 
Der Untergang der Lebenskeime, das Fehlschlagen 
des Begonnenen ist die Regel; die „naturgemässe 
Entwicklung" ist ein Spezialfall unter Tausenden ; es 
ist die Ausnahme, und diese Ausnahme schafft jene 
Natur, deren zweckmässige Selbsterhaltung der 
Teleologe kurzsichtig bewundert. 

F. A. Lange. 



Geschichte des Materialismus. 



Wenn unser Verstand den Verstand und die 
Zwecke Gottes nicht errathen kann, woher errieth 
er diese Beschaffenheit seines Verstandes ? Und diese 
Beschaffenheit von Gottes Verstände? 

Morgenröthe. F. NietZSChC. 

Der Mensch ist gewohnt, in sich den Gipfelpunkt 
der Schöpfung zu sehen, und die Erde und alles, 
was auf ihr lebt , so zu betrachten , als sei es von 
einem gütigen Schöpfer zu seinem Nutzen und 
Wohnsitz erschaffen worden. Ein Blick auf die Ge- 
schichte der Erde und auf die geographische Ver- 
breitung des Menschengeschlechtes könnte ihn Be- 
scheidenheit lehren. Wie lange bestand die Erde 
ohne ihn! Und wie gering ist seine eigene Aus- 
breitung über dieselbe selbst jetzt noch, nachdem 



viele Jahrtausende hindurch sein Geschlecht nur 
ein einziges Häuflein bildete. Und wer behaupten 
wollte, die Erde könnte nicht wohnlicher für den 
Menschen eingerichtet sein, würde sich gewiss einer 
Lächerlichkeit schuldig machen. — Kein Wesen kann 
dazu bestimmt sein, für den Nutzen des Menschen 
zu leben ; alles, was lebt, hat das gleiche Recht der 
Existenz, und es ist nur das Recht des Stärkeren, 
welches den Menschen erlaubt, sich andere Wesen 
dienstbar zu machen oder zu tödten. 

Kraft und Stoff. l^ BÜChncr. 

Alles wahrhaft Grosse geht in der Welt nicht 
unter, und ob es schon scheinbar unterginge, es 
senkt wie die Pflanze, wenn sie abstirbt, das Samen- 
korn in die Erde, aus der es seiner Zeit, wenn die 
Sonne des Frühlings den Keim weckt, verjüngt 
wieder hervorgeht 

Geist des römischen Rechts Band i. R, V. Jherinß. 



Darum soll, wer heute die Kraft in sich fühlt 
emporzuragen über den Durchschnitt der Menschen, 
seine Seele frei halten von dem unmännlichen Ge- 
fühle der Verbitterung und Verkennung und sich 
fest stützen auf den freudigen Glauben edler Geister, 
auf den Glauben an die Unsterblichkeit 
nicht des Namens, sondern der Idee. 

Historische und politische Aufsätze, Band 3. H. V, TrcltSChke. 



Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht 
in dem richtigen Verhältniss, in welchem wir unsere 



170 



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171 



Aufmerksamkeit theils der Gegenwart, theils der 
Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere 
verderbe. Viele leben zu sehr in der Gegenwart: 
die Leichtsinnigen ; — andere zu sehr in der Zukunft : 
die Aengstlichen und Besorglichen. Selten wird 
Einer genau das rechte Maass halten. Die, welche 
mittelst Streben und Hoffen nur in der Zukunft 
leben, immer vorwärts sehen und mit Ungeduld den 
kommenden Dingen entgegeneilen, als welche aller- 
erst das wahre Glück bringen sollen , inzwischen aber 
die Gegenwart unbeachtet und ungenossen vorbei- 
ziehen lassen, sind, trotz ihren altklugen Mienen, 
jenen Eseln in Italien zu vergleichen, deren Schritt 
dadurch beschleunigt wird, dass an einem, ihrem 
Kopf angehefteten Stock ein Bündel Heu hängt, 
welches sie daher stets dicht vor sich sehen und zu er- 
reichen hoffen. Denn sie betrügen sich selbst um ihr 
ganzes Daseyn, indem sie stets nur ad interim leben, — 
bis sie todt sind. — Statt also mit den Plänen und 
Sorgen für die Zukunft ausschliesslich und immerdar 
beschäftigt zu sein, oder aber uns der Sehnsucht 
nach der Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie 
vergessen, dass die Gegenwart allein real und allein 
gewiss ist: hingegen die Zukunft fast immer anders 
ausfällt, als wir sie denken; ja auch die Vergangen- 
heit anders war; und zwar so, dass es mit beiden 
im ganzen weniger auf sich hat, als es scheint. Denn 
die Feme, welche dem Auge die Gegenstände ver- 
kleinert, vergrössert sie dem Gedanken. Die Gegen- 
wart allein ist wahr und wirklich: sie ist die real 



erfüllte Zeit, und ausschliesslich in ihr liegt unser 
Daseyn. Daher sollten wir sie stets einer heitern 
Aufnahme würdigen, folglich jede erträgliche und 
von unmittelbaren Widerwärtigkeiten oder Schmerzen 
freie Stunde mit Bewusstsein als solche gemessen, 
d. h. sie nicht trüben durch verdriessliche Gesichter 
über verfehlte Hoffnungen in der Vergangenheit 
oder Besorgnisse für die Zukunft. 

Parerga und Paralipomena, Band i. A. SchopenhaUer. 



Sich zu mühen und mit dem Widerstände zu 
kämpfen ist dem Menschen Bedürfhiss, wie dem 
Maulwurf dcis Graben. Der Stillstand, den die All- 
genügsamkeit eines bleibenden Genusses herbeiführte, 
wäre ihm unerträglich. Hindemisse überwinden ist 
der Vollgenuss seines Daseyns ; sie mögen materieller 
Art sein, wie beim Handeln und Treiben, oder 
geistiger Art, wie beim Lernen und Forschen: der 
Kampf mit ihnen und der Sieg beglückt. 

Parerga und Paralipomena, Band i. A. SchopenhaUer. 



Wir sind um Ein Interesse ärmer geworden: das 
„Nach-dem-Tode" geht uns nichts mehr an! — Eine 
unsägliche Wohlthat, welche nur noch zu jung ist, um 
als solche weit und breit hin empfunden zu werden. 

Morgcnröthe. F. NlctZSChe. 

Die allen Menschen, selbst den unglücklichsten 
oder auch den weisesten natürliche Furcht vor dem 
Tode ist nicht ein Grauen vor dem Sterben, sondern 
vor dem Gedanken, gestorben zu sein; den also der 



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172 



»73 



Candidat des Todes nach dem Sterben noch zu 
haben vermeint, indem er das Kadaver, was nicht 
mehr er selbst ist, doch als sich selbst im düstem 
Grabe oder irgend sonst wo denkt 



L. Büchner: Kraft und Stoff. 



Montaigne. 



Der Tod ist aber für uns gleichgültig, denn er 
beraubt uns ja eben der Empfindung. So lange wir 
sind, ist der Tod nicht da; wenn nun aber der Tod 
da ist, sind wir nicht mehr da. Man kann aber auch 
nicht das Herannahen eines Dinges furchten, das an 
sich nichts Fürchterliches hat - Für den ist kein 
Uebel mehr im Leben, der sich wahrhaft überzeugt 
hat, dass nicht zu leben kein Uebel mehr sei. 

F. A. Lange: Geschichte des MatcriaUsmus. EpiKUr. 

Die wenigsten Menschen haben wohl recht über 
den Werth des Nichtseins gehörig nachgedacht. 
Unter Nichtsein nach dem Tode stelle ich mir den 
Zustand vor, in dem ich mich befand, ehe ich gebo- 
ren ward. Es ist eigentlich nicht Apathie, denn die 
kann noch gefühlt werden, sondern es ist gar nichts. 
Gerathe ich in diesen Zustand — wiewohl hier die 
Wörter ich und Zustand gar nicht mehr passen; 
es ist, glaube ich, etwas, das dem ewigen Leben 
vöUig das Gleichgewicht hält. Sein und Nichtsein 
stehen einander, wenn von empfindenden Wesen die 
Rede ist, nicht entgegen, sondern Nichtsein und 
höchste Glückseligkeit Ich glaube, man be- 
findet sich gleich wohl, in welchem von beiden Zu- 
ständen man ist Sein und Abwarten, seiner 



Vernunft gemäss handeln, ist unsere Pflicht, da wir 

das Ganze nicht übersehen. 

Vermischte Schriften I. G. Chr. Lichtenberg. 



Bei Gelegenheit von Tiedge^s Urania machte 
ich die Bemerkung, dass, eben wie der Adel, so 
auch die Frommen, eine gewisse Aristokratie bilden. 
Ich fand dumme Weiber, die stolz waren, weil sie 
mit Tiedge an Unsterblichkeit glaubten, und ich 
musste es leiden, dass manche mich über diesen 
Punkt auf eine dünkelhafte Weise examinirten. Ich 
ärgerte sie aber, indem ich sagte: es könnte mir 
ganz recht sein, wenn nach Ablauf dieses Lebens 
uns ein abermaliges beglücke; allein ich wolle mir 
ausbitten, dass mir drüben Niemand von denen be- 
gegne, die hier daran geglaubt hätten. Denn sonst 
würde meine Plage erst recht angehen ! Die From- 
men würden an mich herankommen und sagen: 
haben wir nicht Recht gehabt? Haben wir es nicht 
vorhergesagt? Ist es nicht eingetroffen? Und damit 
würde denn auch drüben der Langeweile kein Ende 
sein. — Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsideen 
ist für vornehme Stände und besonders für Frauen- 
zimmer, die nichts zu thun haben. Ein tüchtiger 
Mensch aber, der schon hier etwas ordentliches zu 
sein gedenkt und der daher täglich zu streben, zu 
kämpfen und zu wirken hat, lässt die künftige Welt 
auf sich beruhen, und ist thätig und nützlich in 
dieser. Femer sind Unsterblichkeitsgedanken für 






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171 



»75 



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solche, die in Hinsicht auf Glück hier nicht zum 
Besten weggekommen sind. 

J. P. Eckermann : Gespräche mit Goethe. "W. GoethC. 



Wer nicht zu der Erkenntniss durchgedrungen 
ist, dass das Leben sich Selbstzweck ist und dass 
jeder Moment des Daseins im Momente selbst seine 
Bestimmung erfüllt, wird es allerdings trostlos finden, 
dass der Mensch nur dazu da ist, in Kohlensäure, 
Wasser und Ammoniak verwandelt zu werden ! Wer 
aber weiss, dass im Weltall nichts vergeht, und dass 
das Geheimniss des Daseins in einem ewigen Kreislaufe 
beruht, in welchem der einzelne nur ein Glied einer 
endlosen Kette bildet, wird sich vielleicht des Bewusst- 
seins freuen, dass er durch sein Leben seine natürliche 
Aufgabe erfüllt und durch seinen Tod der Gesammt- 
heit das zurückgegeben hat, was er eine Zeit lang 
leihweise von ihr genommen hat Und dieses zurück- 
gegebene Kapital besteht nach solcher Lehre nicht 
bloss in Kohlensäure, Ammoniak und Wasser, sondern 
in dem ganzen leiblichen und geistigen Beitrag, den 
der einzelne Mensch durch seine Existenz selbst 
zum Bestehen der Menschen geliefert hat. Mag 
dieser Beitrag noch so gross oder noch so klein sein, 
er hat dazu gedient, jenes Bestehen möglich zu 
machen, und dadurch in dem Momente des Be- 
stehens selbst seine Bestimmung erfüllt. Was 
dabei die letzten Ziele der Menschheit im Kreislaufe 
der Welt selbst sein mögen und ob dieselbe mit 



allen ihren Schätzen, mit allen ihren physischen und 
geistigen Erwerbungen einem schliesslichen Unter- 
gang entgegeneile, oder ob sie Mittel finden wird, 
diese Schätze der Ewigkeit zu retten — dieses sind 
Fragen, welche unseren Erkenntnissmitteln zu ferne 
liegen, als dass sie ernstlich diskutirt werden könnten. 
Nur soviel ist gewiss, dass die in den Gang der 
Civiüsation hineingeflochtene Menschheit mit allen 
Kräften einer steten geistigen und materiellen Ver- 
vollkommnung für ihre zeitliche Zukunft entgegen- 
strebt, und dass es edle imd grosse Naturen un- 
widerstehlich drängt, ihre Kräfte der Erreichung 
dieses Zieles und der allmählichen Erforschung der 
Wahrheit zu widmen. In nichts mehr als in einem 
solchen Streben wird es den einzelnen fühlbar, daiss 
auch innerhalb der Menschheit selbst nichts verloren 
geht, und dass der kleinste Gedanke, den ein Mensch 
für uns gedacht oder den wir selbst denken frucht- 
bar für alle Zukunft bleibt. 

Aus Natur und Wissenschaft. Band i. L, Btichoer, 



Ja eine vollständige Enthüllung der „Räthsel- 
haftigkeit" des Weltganzen, also eine vollkommene 
Erkenntniss muss für den menschlichen Geist aus 
innem Gründen als eine Unmöglichkeit angesehen 

werden Wo kein Streben, da kann auch kein 

Leben mehr sein ; die volle Wahrheit wäre ein Todes- 
urtheil für den, der sie begriffe, und er müsste an 
Apathie und Thatenlosigkeit zu Grunde gehen. 

Kraft und Stoff. L. BÜChnCf. 



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Brodtbeck, Geistesblitze grosser Männer. 



12 



Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein 
Mensch ist, oder zu sein vermeint, sondern die auf- 
richtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die 
Wahrheit zu kommen, macht den Werth des Men- 
schen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch 
die Nachforschung der Wahrheit erweitem sich 
seine Klräfte, worin allein seine immer wachsende 
Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, 
träge, stolz. — 

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, 
und in seiner Linken den einzigen immer regen 
Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusätze, 
mich immer imd ewig zu irren, verschlossen hielte 
und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit 
Demuth in seine Linke und sagte: Vater gieb! Die 
reine Wahrheit ist ja nur für Dich allein! 

Eine Duplik. G. E. LCSSlng. 

Wenn man stirbt, soll man seine Individualität 
abwerfen, wie ein altes Kleid, und sich freuen über 
die neue und bessere, die man jetzt nach erhaltener 
Belehrung, dagegen annehmen wird. 

Parerga und Paralipomena. Band i. A. SchOpCnhaUer. 



Alle Menschen aller Zeiten wurzelten in dem 
schmutzigen Boden des Eigennutzes ; aber mit^tamm. 
Zweigen, Blüthen und Früchten erhoben sie sich 
über die Erde und lebten im reinen Elemente, 
höher oder niederer wachsend, heller oder dunkler 
blühend, mit mehr oder minder süsser Frucht, je 



nach Samen, Witterung, Jahreszeit, Himmelsstrich 
und Pflege — aber alle nach dem Himmel strebend. 

Vermischte Aufsätze. L. BÖmC« 



Der Mensch, so gemein auch sein Treiben sei, 
lebt in Ideen, bis in den Sumpf spiegelt sich der 
Himmel ab. 

Vermischte Aufsätze. L. BÖme» 

Wenn dieses unser Daseyn der letzte Zweck der 
Welt wäre, so wäre es der albernste Zweck, der 
je gesetzt worden ; möchten nun wir selbst oder ein 
anderer ihn gesetzt haben. 

Parerga und Paralipomena, Band 2. A. Schopeilhälier« 



Denn wahrhaftig, eine missliche Lage ist die 
unsrige! Eine Spanne Zeit zu leben, voll Mühe, 
Noth, Angst und Schmerz, ohne im mindesten zu 
wissen woher, wohin und wozu, und dabei nun noch 
die Pfaffen aller Farben, mit ihren respectiven Offen- 
barungen über die Sache, nebst Drohung gegen 
Ungläubige 1 

Parerga und Paralipomena, Band 2. A. SchopenhaUeF. 



Auch wird, im tiefsten Innern vielleicht eines 
Jeden, dann und wann einmal ein Bewusstsein sich 
spüren lassen, dass ihm doch eigentlich eine ganz 
andere Art von Existenz angemessen wäre, als diese 
unaussprechlich lumpige, zeitliche, individuelle, mit 






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179 



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lauter Miseren beschäftigte; wobei er dann denkt, 
dass zu jener der Tod ihn zurückfuhren könnte. 

Parerga und Paralipomena, Band 2. A. SchOpenhaUef. 



Mit einem Wort: es giebt einen natür- 
lichen sittlichen Fortschritt. — Wie es aber 
einen sittlichen Fortschritt giebt, der darauf beruht, 
dass die Harmonie unseres Weltbildes allmählich über 
die wilden Störungen der Triebe und der heftigeren 
Empfindungen von Lust und Schmerz das Ueber- 
ge wicht erlangt, so schreiten auch die sittlichen 
Ideale fort, nach welchen der Mensch sich seine 

Welt gestaltet. — 

F. A. Lange. 



Geschichte des Materialismus. 



Durch unsere ganze Zeit geht der Grundzug 
einer grossartigen und fundamentalen, wenn auch 
\delleicht still und friedlich sich vollziehenden Reform 
aller Anschauungen und Verhältnisse. Man fühlt, 
dass die Weltperiode des Mittelalters erst jetzt sich 
dem Ende zuneigt, und dass die Reformation, und 
selbst die französische Revolution, vielleicht nur 
Dämmerungsgestalten eines neuen Lichtes sind. 

Geschichte des Materialismus. F. A. La,ng6. 



Die zukünftige „Menschlichkeit". — ... 
Wer die Geschichte der Menschen insgesammt als 
eigene Geschichte zu fühlen weiss, der empfindet 
in einer ungeheuren Verallgemeinerung allen jenen 
Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des 
Greises, der an den Jugendtraum denkt, des Lieben- 



180 



den, der der Geliebten beraubt wird, des Märtyrers, 
dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am 
Abend der Schlacht, welche nichts entschieden hat 
und doch ihm Wunden und den Verlust des Freundes 
brachte — ; aber diese ungeheure Summe von Gram 
aller Art tragen, tragen können und nun doch noch 
der Held sein, der beim Anbruch eines zweiten 
Schlachttages die Morgenröthe und sein Glück be- 
grüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahr- 
tausenden vor sich und hinter sich, als der Erbe 
aller Vornehmheit alles vergangenen Geistes und 
der verpflichtete Erbe; als der Adeligste aller alten 
Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, 
dessen Gleichen noch keine Zeit sah und träumte: 
dies Alles auf seine Seele nehmen, Aeltestes, Neuestes, 
Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der Mensch- 
heit: dies Alles endlich in Einer Seele haben und in 
Einem Gefühl zusammendrängen: — dies müsste 
doch ein Glück ergeben, das bisher der Mensch noch 
nicht kannte, — eines Gottes Glück voller Macht 
und Liebe, voller Thränen und voll Lachens, ein 
Glück, welches, wie die Sonne am Abend, fortwäh- 
rend aus einem unerschöpflichen Reichthum weg- 
schenkt und ins Meer schüttet und, wie sie, sich 
erst dann am reichsten fühlt, wenn auch der ärmste 
Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses 
göttliche Gefühl hiesse dann — Menschlichkeit! 

La gaya scienra. F. NietZSChC. 



Alles trägt seine Idee in sich : der innerste Trieb 






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des geistigen Lebens ist die Bewegung nach der Idee, 
nach einer grossem Vortrefflichkeit. Dieser Trieb 
ist ihm angeboren, bei seinem Ursprung eingepflanzt. 

Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs j^^ y^ RankC. 

im 19. Jahrhundert. 



Dem Lichte zu — Deine letzte Bewegung; 
Ein Jauchzen der Erkenntniss — Dein letzter Laut! 

Menschliches Allzumenschliches. F. NietZSChC. 




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In gleichem Verlage, bei C. G. Naumann, Leipzig, ist erschienen : 

Friedrieh Nietzsche 

Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philo- 
sophie der Zukunft. 1886. 8^. broschirt VI und 
272 Seiten J^ 5- — 

Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. 1887. 
8®. broschirt XIV und 184 Seiten . . . . ^ 3.50 

Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. 1 888. Zweite 
Auflage. 8^. broschirt. IV und 58 Seiten Ji 1.50 

Götzendämmening oder: Wie man mit dem Hammer 
philosophirt. 1889. 8^. broschirt. 144 Seiten ^2.25 

Aus den Besprechungen obiger Werke. 

Vational-Zeitung 1889, 14. März. „Schon mehrere Male ist an dieser Stelle auf 
Friedrich Nietzsche hingewiesen worden, als auf eine der originellsten Gestalten 
in der deutschen Schriftstellerrepublik .... Vielleicht der anziehendste Theil dieser 
Schrift (Götxendäramerung) ist das Kapitel über die vier grossen Irrthümer, 
besonders über fabche Ursächlichkeit. Hier finden wir psychologische Untersuchungen 
von grosser Feinheit. — Die Form, in der NieUsche seine Gedanken ausspricht, ist die 
des Aphorismus. Nietzsche würde nicht anders schreiben können, auch wenn er wollte ; 
aber es ist gewiss, dass er diese Form meisterhaft beherrscht . . . ." 

Neues MflnchenerTageblatt 1889, 30. März. „Nachdenken ist nicht allzuschwer 
und wird doch nicht allzuoft geübt, aber die Selbstdenker sind jederzeit äusserst 
selten gewesen. Unter den wenigen der Gegenwart verdient der Baseler Professor 
mit Auszeichnung behandelt zu werden; er giebt seiner Ueberzeugung offenen Ausdruck 
und dabei in vollendeter Form ...«'* 

Die OeBellschaft 1889, Heft TV. üenseits von Gut und Böse.) Die 
Nietzsche'schen Schriften folgen jetzt Schlag auf Schlag nacheinander, wie bei einem 
grossen, schönen Gewitter die Donnerschläge — Nietzsche ist ein solches Gewitter 
mm dumpfschwülen europäischen Kulturhimmel . . . ." 

BemerBimdl889,No.65. „Die Götzen da mmerung ist mit all ihren paradoxen 
Behauptungen eins der besten Bücher, die wir dem seltsamen Manne zu verdanken 
haben .... Ganz vortrefflich sind in Nietzsches Buch die meisten Aussprüche, die 
sich auf das innerste Wesen der Kunst beziehen . . . ." 



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des geistigen Lebens ist die Bewegung nach der Idee, 
nach einer grossem Vortrefflichkeit. Dieser Trieb 
ist ihm angeboren, bei seinem Ursprung eingepflanzt. 

Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs • Ranke 

im 19, Jahrhundert. 



Dem Lichte zu — Deine letzte Bewegung; 
Ein Jauchzen der Erkenntniss — Dein letzter Laut! 

Menschliches Allzumenschliches. F. NletZSChC. 




In gleichem Verlage, bei C. G. Naumann, Leipzig, ist erschienen : 

Friedrieh Nietzsche 

Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philo- 
sophie der Zukunft. 1886. 8». broschirt. VI und 
272 Seiten -^ 5- — 

Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. 1887. 
8®. broschirt XIV und 184 Seiten . , , . jK) 3-50 

Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. 1888. Zweite 
Auflage. 8<>. broschirt. IV und 58 Seiten .^1.50 

Götzendämmening oder: Wie man mit dem Hammer 
philosophirt 1889. 8^. broschirt 144 Seiten Ji 2.25 

Aus den Besprechungen obiger Werke. 

National-Zeitung 1889, 14. März. „Schon mehrere Male ist an dieser Stelle aut 
Friedrich Nietzsche hingewiesen worden, als auf eine der originellsten GesUlten 
in der deutschen Schriftstellerrepublik .... Vielleicht der anziehendste Theil dieser 
Schrift (Götze n da mm er ung) ist das Kapitel über die vier grossen Irrthümer, 
besonders über falsche Ursächlichkeit. Hier finden wir psychologische Untersuchungen 
von grosser Feinheit. — Die Form, in der Nietzsche seine Gedanken ausspricht, ist die 
des Aphorismus. Nietzsche würde nicht anders schreiben können, auch wenn er wollte ; 
aber es ist gewiss, dass er diese Form meisterhaft beherrscht . . . ." 

Neues MünchenerTageblatt 1889, 30. März. „Nachdenken ist nicht allzuschwer 
und wird doch nicht allzuoft geübt, aber die Selbstdenker sind jederzeit äusserst 
selten gewesen. Unter den wenigen der Gegenwart verdient der Baseler Professor 
mit Auszeichnung behandelt zu werden; er giebt seiner Ueberzeugung offenen Ausdruck 
und dabei in vollendeter Form . . . /* 

Die Gesellschaft 1889, Heft 17. (Jenseits von Gut und Böse.) Die 
Nietrsche'schen Schriften folgen jetzt Schlag auf Schlag nacheinander, wie bei einem 
grossen , schönen Gewitter die Donnerschläge — Nietzsche ist ein solches Gewitter 
am dumpfschwülen europäischen Kulturhimmel . . . ." 

Berner Bond 1889, No. 66. „Die G ö tz e n d ä m m e r u n g ist mit all ihren paradoxen 
Behauptungen eins der besten Bücher , die wir dem seltsamen Manne zu verdanken 
haben .... Ganz vortrefflich sind in Nietzsches Buch die meisten Aussprüche, die 
sich auf das innerste Wesen der Kunst beziehen . . . ." 



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Deutsche Rundschau 1887, Mttrz. „Wieder einmal ein echt Nietzsche'schei 
Buch (Genealogie), das seinen Verfasser in jedem Satz, fast möchte man sagen, in 
jeder Zeile verräth: anziehend, fesselnd, hinreissend sogar . . . ." 

Die Gesellschaft 1888, Heft 13. „Nietzsche hat für seine eigensten Meinungen 
undUrtheile auch seine eigenste Sprache — eine wundervolle entzückende Sprache . . . 
Als philosophischer Sprachkünstler, der sich bald der Denk-, bald der Phantasie- 
sprache, bald der Mischung beider in neunundneunzig Abstufungen mit vollendeter 
Sicherheit bedient, hat er in keiner Literatur, am wenigsten in der deutschen, 
seinesgleichen .... 

Blätter für literarische Unterhaltung 1889, 7. Februar. „Ich begreif« 
vollständig, dass diese Broschüre (Fall Wagner) sehr schnell eine zweite Auflage 
erleben konnte." 

Hamburger Nachrichten 1888, 6. Oktober. „Alle musikalischen Parteigänger, 
welche durch eigene Lektüre oder wenigstens durch Hörensagen von Professor 
Dr. Nietzsches Buch „Die Geburt der Tragödie" und der darin ausgesprochenen 
unbedingten Uebereinstimmung des Philosophen mit dem Musikdramatiker in der 
Auflassung seiner Kunst wissen, werden über die vorliegende Broschüre (F a 1 1 Wa g n e r) 
und ihr schonungsloses Verdammungsurtheil gegen den Künstler Richard Wagner, je 
nach ihrem Standpunkt, entweder aufs Höchste enttäuscht sein oder frohlocken," 



Ferner ist in gleichem Verlage erschienen: 

Dr. Albert Wittstoek 

Geschichte der deutschen Pädagogik im Umriss. Von 
den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. 1887. Zweite 
Auflage. 8^. broschirt. 330 Seiten . . . . Ji 3.— 

Lessings Erziehung des Menschengeschlechts als päda- 
gogisches System. 80. broschirt. 186 Seiten ^2.25 

Die Erziehung im Sprichwort oder die deutsche Volks- 
pädagogik. 8^. broschirt 284 Seiten , , . Ji 3.— 



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Druck Ton C. G. Naamuin in L«lpslg. 






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In gleichem Verlage, bei C. G. Naumann, Leipzig, 
ist erschienen: 

Friedrieh Nietzsche. 

Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie 
der Zukunft. 1886. 8^ brosch. . . Mark 5.—. 

Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. 1887. 
8<>brosch Mark 3.50. 

Der Fall Wagner. Ein Musikanten - Problem. 1888. 
Zweite Auflage. 8<^ brosch. . . .Mark 1.50. 

Götzendämmening oder: Wie man mit dem Hammer 
philosophirt. 1889. 8<> brosch. . . Mark 2.25. 

Dr. Albert Wittstoek. 

Geschichte der deutschen Pädagogik im Umriss. V<>a 
den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Zweite 
Auflage. 80 brosch Mark 3.—. 

Lessings Erziehung des Menschengeschlechts als 
pädagogisches System. 8<* brosch. Mark 2.25. 

Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts", mit Recht ein 
„unsterbliches Werk" genannt, ist zwar schon vielfach commentirt 
worden, aber noch nicht vom pädagogischen Gesichtspunkte, und doch 
ist eine solche Analyse um so nothwendiger , weil gerade dadurch 
zum richtigen Verständniss der so anregenden nnd anziehenden, noch 
lange nicht genug gewürdigten Abhandlung beigetragen wird. 

Die Erziehung im Sprichwort oder die deutsche 
Volks-Pädagogik. 8® brosch. . . . Mark 3. — . 

Dieses Buch enthält über 1600 pädagogische Sprichwörter, welche 
der Verfasser ihrem inneren Zusammenhange nach geordnet und mit 
Citaten ans deutschen Qassikem, sowie Erläuterungen über Volkssitten 
nnd Gebräuche etc. versehen hat. 



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Druck von C. G. Naumann, Leipzig. 



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